Tasse Kaffee, geschlossenes Notizbuch mit Bleistift und zusammengeklappte Lesebrille auf einer Terrazzokante vor heller Wand in der Sonne

Müde beim Schreiben? Was dein Nervensystem damit zu tun hat

Dies ist der zweite Teil meiner Serie über Nervensystem und Schreiben. Heute geht es um Schreibblockade und Nervensystem, genauer um eine Frage, die viele Schreibende kennen: Warum wirst du plötzlich müde, sobald du schreiben willst?

Kennst du das? Du hast dir endlich Zeit zum Schreiben freigeschaufelt. Der Kaffee dampft, das Dokument ist offen, die Finger schweben über der Tastatur. Und dann passiert … nichts.

Oder noch seltsamer: Du wirst plötzlich unglaublich müde. So müde, dass du kaum die Augen offenhalten kannst. Vor einer Minute warst du noch hellwach, und jetzt fühlst du dich, als hättest du drei Nächte nicht geschlafen. Viele erklären sich das mit Faulheit oder fehlender Disziplin. Oder mit dem Gedanken, einfach nicht zum Schreiben gemacht zu sein. Es gibt eine freundlichere Erklärung.

Dein Nervensystem kennt keine Schreibprojekte, nur Gefahr

Im ersten Teil der Serie habe ich dir das Ampel-Modell vorgestellt. Kurz zusammengefasst: Dein Nervensystem ist darauf ausgerichtet, dich am Leben zu halten. Und es ist dabei nicht besonders wählerisch. Auch eine leere Word-Seite kann sich für deinen Körper wie Gefahr anfühlen, ganz ohne dass du das bewusst so denkst. Typischerweise werden drei Reaktionen beschrieben.

Beim Kämpfen, im Englischen Fight, wirst du gereizt und ungeduldig. Du kämpfst gegen die Technik, gegen die Idee, gegen dich selbst.

Bei der Flucht, Flight, weichst du aus: in Social Media, in Recherche, in andere Projekte. Du fängst tausend Dinge an und machst nichts fertig.

Beim Erstarren, Freeze, geht gar nichts mehr. Du sitzt da und kannst dich nicht aufraffen. Oder du wirst eben extrem müde. In diesem Modell fährt der Körper herunter, weil Abschalten ihm als sicherste Option erscheint. Im Bild der Ampel wäre das Rot.

Das Verrückte daran: Dein Körper versucht, dich zu schützen. Auch wenn du genau weißt, dass Schreiben keine Lebensgefahr ist. Dein Nervensystem hat vielleicht andere Erfahrungen gespeichert.

Ein Wort noch zur Müdigkeit: Manchmal ist sie auch einfach Müdigkeit. Wenn du seit Wochen zu wenig schläfst, hilft keine Atemübung, sondern Schlaf. Und wenn du dich dauerhaft erschöpft fühlst, lass das ärztlich abklären.

Warum gerade das Schreiben so viel auslöst

Schreiben ist verletzlich. Wir legen etwas von uns offen. Und unser Nervensystem erinnert sich an vieles, was mit diesem Gefühl verknüpft ist. Vielleicht an die Lehrerin, die deinen Aufsatz vor der ganzen Klasse auseinandergenommen hat. Vielleicht an Eltern, die deine Geschichten als Zeitverschwendung abgetan haben. Oder an die innere Stimme, die flüstert: Wer willst du eigentlich sein? Das will doch niemand lesen.

Jedes Mal, wenn du dich an dein Manuskript setzt, können solche alten Erfahrungen mitschwingen, ohne dass du es merkst. Das Ergebnis: Erschöpfung, Fluchtimpulse oder eine komplette Blockade. Wenn du spürst, dass da alte Verletzungen sind, die dich stark belasten, sprich mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten darüber. Dieser Artikel kann das nicht ersetzen.

Ein Satz am Tag

Ich kenne Schreibblockaden selbst. Bei „Holla, die Waldfee, träumt vom Meer“ wusste ich 2023 irgendwann nicht mehr, wie die Geschichte weitergehen sollte. Der Geburtstag meiner Freundin, der ich das Buch schenken wollte, verging ohne Buch. Danach lag das Projekt monatelang. Ausführlich erzählt habe ich das in meinem Behind the Book zu Holla.

Was mir im Januar 2024 wieder hineingeholfen hat, war kein großer Plan. Es war ein sehr kleiner Schritt: jeden Tag einen einzigen Satz schreiben. Nicht viel, nicht mit Druck. Und die Blockade war weg.

Mit Blick aufs Nervensystem ergibt das Sinn. Ein Satz ist so klein, dass er kaum Alarm auslöst. Du bewegst dich, ohne dass dein Körper das Gefühl hat, sich in Gefahr zu begeben.

5 Strategien gegen die Schreibblockade

1. Mach es deinem Nervensystem leicht

Statt dir vorzunehmen, „heute endlich das Kapitel zu schreiben“, sag dir: „Ich öffne nur das Dokument und lese, was ich zuletzt geschrieben habe.“ Das ist alles. Kein Druck. Oft passiert dann von allein mehr. Wenn nicht, ist das auch in Ordnung. Wie du so eine kleine Einheit fest in deinen Alltag einbaust, habe ich im Artikel über die 15-Minuten-Schreibroutine beschrieben.

2. Erkenne die Fluchtmanöver

Wenn du merkst, dass du plötzlich dringend noch etwas anderes tun musst, halte kurz inne. Frag dich: Ist das gerade wirklich nötig? Oder versucht mein Nervensystem, mich in Sicherheit zu bringen? Schon diese Frage kann viel verändern.

3. Nimm die Müdigkeit ernst

Wenn die bleierne Müdigkeit kommt, kämpf nicht dagegen an. Steh auf, beweg dich sanft, atme bewusst. Manchmal hilft es, das Fenster zu öffnen, ein Glas Wasser zu trinken oder kurz nach draußen zu gehen. So zeigst du deinem Nervensystem: Wir sind in Sicherheit.

4. Schreib den schlechtesten ersten Entwurf aller Zeiten

Perfektionismus ist oft ein Schutzschild. Wenn alles perfekt sein muss, gibt es keinen Angriffspunkt, aber eben auch keinen Fortschritt. Erlaub dir, Mist zu schreiben. Der erste Entwurf darf schlecht sein. Er ist nur für dich, niemand sonst sieht ihn. Und: Ein schlechter Entwurf lässt sich überarbeiten. Eine leere Seite nicht.

5. Komm an, bevor du schreibst

Bevor du dich ans Manuskript setzt, komm erst bei dir an. Das kann eine kurze Atemübung sein, ein paar Minuten Journaling oder eine Runde um den Block. Zeig deinem Körper, dass er sich entspannen darf.

Schreibblockade ist keine Charakterschwäche

Eine Schreibblockade bedeutet nicht, dass du faul bist. Oder dass dir die Ideen fehlen. Oder dass du nicht zum Schreiben gemacht bist. Sie bedeutet oft nur, dass dein Nervensystem auf Schutz geschaltet hat. Und das ist menschlich.

Wenn du lernst, mit deinem Körper zusammenzuarbeiten statt gegen ihn, öffnen sich neue Wege zum Schreiben. Du musst dein Nervensystem nicht überlisten. Du darfst es mitnehmen.

Im nächsten Teil schaue ich mir eine der drei Reaktionen genauer an: den Flight-Modus. Also das Muster, bei dem du ständig Neues anfängst und am Ende nichts fertig wird. Bis dahin: Erkennst du dich eher in der Flucht wieder oder im Erstarren? Schreib es mir gern.

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