Als ich mit „Holla, die Waldfee“ angefangen habe, war mein Plan denkbar einfach: irgendein Kinderbuch eben. Ich habe drauflosgeschrieben, in der U-Bahn, jeden Tag ein Stück. Für wen genau, wie lang, in welcher Form: Darüber habe ich mir am Anfang kaum Gedanken gemacht.
Wenn du eine Idee für ein Kinderbuch hast, lohnt es sich, diese Frage früher zu stellen: Wird es ein Bilderbuch, ein Erstlesebuch oder ein Kinderroman? Die Form entscheidet darüber, wie viel Text du schreibst, wie deine Sätze klingen, wer das Buch in der Hand hält und ob Bilder die halbe Geschichte erzählen. Hier bekommst du einen Überblick über die gängigen Formate, mit Richtwerten zu Umfang und Alter, und ein paar Fragen, mit denen du herausfindest, was deine Idee braucht.
Die Formate im Kinderbuch auf einen Blick
Die Grenzen sind fließend, und jeder Verlag setzt eigene Schwerpunkte. Als Orientierung helfen diese Richtwerte, die sich an den Angaben der Selfpublishing-Plattform epubli orientieren:
- Pappbilderbuch, bis etwa 2 Jahre: wenig bis gar kein Text, feste Seiten, oft nur ein Gegenstand oder eine kleine Szene pro Seite.
- Bilderbuch, etwa 3 bis 5 Jahre: meist 12 bis 14 Doppelseiten mit höchstens rund 10.000 Zeichen Text inklusive Leerzeichen.
- Vorlesebuch und Erstlesebuch, etwa 5 bis 8 Jahre: rund 30 bis 80 Normseiten Text, oft in Kapiteln oder mehreren kurzen Geschichten, bei Büchern für die allerersten Leseschritte auch weniger.
- Kinderroman, etwa 8 bis 12 Jahre: rund 100 bis 300 Normseiten Text.
- Jugendbuch, ab etwa 13 Jahren: Umfang ähnlich wie bei Romanen für Erwachsene.
Eine Normseite hat dabei etwa 1.500 bis 1.800 Zeichen. Was genau dahintersteckt, habe ich in meinem Artikel über Lektorat und Korrektorat erklärt.
Bilderbuch und Pappbilderbuch: Der Text lässt Platz für Bilder
Beim Pappbilderbuch für die Kleinsten steht das Bild im Mittelpunkt. Ein Wort, ein Geräusch, ein kurzer Satz pro Seite. Das Kind zeigt, benennt, blättert, oft mit mehr Kraft, als dem Buch lieb ist. Deshalb die dicken Seiten. Wenn du selbst veröffentlichen willst, prüf früh, ob dein Druckdienstleister dieses Format überhaupt anbietet.
Das klassische Bilderbuch richtet sich an Kinder im Kindergartenalter und wird vorgelesen. Viele Bilderbücher haben 24 oder 32 Seiten. Das hat einen handfesten Grund: Bücher werden im klassischen Druck auf großen Bogen gedruckt, die gefaltet 8 oder 16 Seiten ergeben, und die Seitenzahl muss dazu passen (hier gut erklärt). Nach Titel, Impressum und Vorsatz bleiben meist zwölf bis vierzehn Doppelseiten für die Geschichte.
Das bedeutet: pro Doppelseite ein Moment, drei oder vier kurze Sätze, selten mehr. Der Text erzählt, was man nicht sieht. Das Bild zeigt, was man nicht sagen muss. Wenn in deinem Text steht „Die Katze saß auf dem roten Sofa“, und genau das ist auch gemalt, verschenkst du Platz. Schreib lieber, was die Katze denkt.
Wichtig für alle, die an Verlage einreichen: Beim Bilderbuch schickst du nur den Text, es sei denn, du illustrierst selbst auf professionellem Niveau. Die Illustration sucht in der Regel der Verlag aus. Welche Fehler beim ersten Bilderbuch sonst noch häufig passieren, allen voran zu viel Text, habe ich in meinem Artikel über die 7 häufigsten Fehler beim ersten Kinderbuch gesammelt.
Erstlesebuch: Wenn Kinder selbst lesen lernen
Ein Erstlesebuch hat eine ganz andere Aufgabe als ein Bilderbuch. Es wird nicht vorgelesen, sondern vom Kind selbst entziffert, Wort für Wort. Deshalb sind die Sätze kurz, die Schrift ist groß, die Wörter sind vertraut, und jede Seite hat ein Bild, das beim Verstehen hilft.
Viele Verlage ordnen ihre Erstlesebücher in Lesestufen. Beim Leserabe von Ravensburger zum Beispiel gibt es eine Vor-Lesestufe ab 5 Jahren, in der Hauptwörter durch Bilder ersetzt werden, eine 1. Lesestufe ab 6 Jahren mit einfachen Texten in großer Fibelschrift und eine 2. Lesestufe ab 7 Jahren mit längeren Geschichten und Fragen zum Text.
Wenn du für diese Altersgruppe schreiben willst, schau dir die Reihen der Verlage genau an. Erstlesebücher erscheinen meist in festen Reihen mit eigenen Vorgaben zu Satzlänge, Wortschatz und Umfang. Eine gute Idee allein reicht hier nicht. Sie muss in diesen engen Rahmen passen, ohne dass die Geschichte hölzern wird. Das ist eine eigene Kunst.
Kinderroman und Jugendbuch: Mehr Raum für die Geschichte
Ab etwa acht Jahren lesen viele Kinder längere Geschichten selbst. Kinderromane erscheinen meist in den Altersstufen ab 8 und ab 10 Jahren. Hier hast du Kapitel, Nebenfiguren, Wendungen, manchmal eine zweite Handlungsebene. Illustrationen gibt es oft noch, aber sie begleiten den Text, statt ihn zu tragen.
Mein Buch „Holla, die Waldfee, träumt vom Meer“ ist ein modernes Märchen ab 8 Jahren mit 80 Seiten, eine All-Age-Geschichte. Es liegt damit zwischen Vorlesebuch und Kinderroman. Wie es dazu kam, erzähle ich in meinem Behind the Book zu Holla.
Das Jugendbuch richtet sich an Leser ab etwa 12 oder 13 Jahren und ist im Umfang kaum noch von einem Roman für Erwachsene zu unterscheiden. Der Unterschied liegt eher im Blick: Die Hauptfiguren sind jung, ihre Fragen sind die Fragen dieses Alters. Eine alte Faustregel gilt übrigens für alle Kinderbuchformen: Kinder lesen gern über Figuren, die ein kleines Stück älter sind als sie selbst.
Welche Form braucht deine Idee?
Die Form ergibt sich selten aus dem Thema allein. Über Freundschaft kann man ein Bilderbuch schreiben und einen Jugendroman. Entscheidend ist, wie viel Geschichte in deiner Idee steckt. Ein paar Fragen helfen dir beim Sortieren.
Wer hält das Buch in der Hand? Wenn ein Erwachsener vorliest und das Kind die Bilder anschaut, schreibst du gleichzeitig für das Kind und für den Erwachsenen, der vorliest. Wenn das Kind allein liest, bestimmt sein Lesevermögen deinen Satzbau.
Wie viel passiert? Ein Problem, ein Weg, eine Lösung, das passt in ein Bilderbuch. Wenn deine Figur mehrere Stationen braucht, Freunde findet, sich verrennt, zurückkommt, dann willst du Kapitel.
Wie alt ist deine Hauptfigur? Ein Kindergartenkind als Held spricht Bilderbuchleser an. Eine Elfjährige, die ihr erstes Geheimnis vor den Eltern hat, gehört in einen Kinderroman.
Und ganz praktisch: Schreib deine Geschichte einmal in einem einzigen Satz auf. Dann probier sie in zwei Formen aus. Falte acht A4-Blätter in der Mitte, das ergibt ein Heft mit 32 Seiten, und verteil deinen Text als Bilderbuch darauf. Auf jede Doppelseite kommt ein Moment. Wenn du merkst, dass du quetschen musst, ist deine Geschichte größer. Dann schreib eine Kapitelübersicht mit fünf bis zehn Kapiteln. Oft zeigt sich schon nach einer halben Stunde, in welcher Form deine Idee atmen kann.
Welche Bücher Kinder in welchem Alter gern mögen, siehst du übrigens auch gut im Buchhandel. Geh in die Kinderbuchabteilung, nimm dir zehn Bücher in dem Alter, für das du schreiben willst, und zähl nach: Seiten, Sätze pro Seite, Länge der Kapitel. Schneller bekommst du kaum ein Gefühl für den Markt.
Die richtige Form ist kein Korsett. Sie ist der Rahmen, in dem deine Geschichte ihre volle Größe zeigen kann. Nimm dir die Zeit, sie zu finden, bevor du hundert Seiten schreibst, die eigentlich zwölf Doppelseiten sein wollten.
Wenn du deine Idee Schritt für Schritt zum fertigen Buch bringen willst, findest du in meiner Kinderbuch-Schatzkiste ein eigenes Kapitel zum Format und einen Spickzettel, der dir die Altersgruppen mit Umfang und Themen auf einen Blick zeigt.