Dein Manuskript ist fertig. Du hast es fünfmal gelesen, du kennst jeden Satz auswendig, und trotzdem hast du das Gefühl, dass noch jemand draufschauen sollte. Nur wer? Und was genau soll diese Person tun? Spätestens jetzt taucht die Frage auf: Lektorat oder Korrektorat, und was braucht mein Buch davon wirklich?
Die beiden Begriffe werden ständig verwechselt, auch in Angeboten. Dabei geht es um zwei ganz verschiedene Arbeiten, die unterschiedlich viel kosten und zu unterschiedlichen Zeitpunkten sinnvoll sind. Hier bekommst du den Überblick, mit Richtwerten zu den Preisen und einer Reihenfolge, die dir Geld und Nerven spart.
Lektorat oder Korrektorat: Wo liegt der Unterschied?
Ein Lektorat kümmert sich um den Text als Ganzes. Trägt die Handlung? Handeln die Figuren nachvollziehbar? Gibt es Längen, Sprünge, Wiederholungen? Passt der Ton zur Zielgruppe? Dazu kommt die sprachliche Ebene: Wortwahl, Satzbau, Stil. Eine Lektorin fragt also zum Beispiel: „Warum verrät die Heldin ihr Geheimnis schon in Kapitel drei?“ oder „Dieser Absatz sagt dasselbe wie der davor, brauchst du beide?“
Ein Korrektorat schaut auf die Oberfläche. Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung, einheitliche Schreibweisen. Ob die Geschichte funktioniert, ist dabei kein Thema. Die Frage im Korrektorat lautet eher: „Gehört hier ein Komma hin?“ und „Heißt die Nachbarin auf Seite 12 Frau Maier und auf Seite 80 Frau Meier?“
Viele Lektorate schließen die Korrektur von Fehlern mit ein. Umgekehrt gilt das nicht: Ein Korrektorat verbessert keinen Stil und findet kein Plotloch. Wer nur ein Korrektorat bucht, bekommt einen fehlerfreien Text, aber keinen besseren.
Was ist eine Normseite?
Abgerechnet wird meistens pro Normseite. Das ist eine gedachte Standardseite, damit Texte vergleichbar werden, egal in welcher Schrift und mit welchem Zeilenabstand du schreibst. Klassisch hat sie 30 Zeilen mit je etwa 60 Anschlägen, also rund 1.800 Zeichen. In der Praxis rechnen viele mit weniger: Der Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) nennt etwa 1.500 bis 1.650, selten 1.800 Zeichen inklusive Leerzeichen.
Das klingt nach einem Detail, macht aber einen Unterschied. Ein Anbieter, der mit 1.500 Zeichen rechnet, kommt bei demselben Manuskript auf ein Fünftel mehr Seiten als einer mit 1.800. Wenn du Angebote vergleichst, frag deshalb immer nach, welche Normseite gemeint ist.
Deine eigene Zahl findest du schnell: In Word unter „Überprüfen“ und „Wörter zählen“ steht die Zahl der Zeichen mit Leerzeichen. Teil sie durch 1.500, dann hast du eine gute Schätzung. Eine Seite in deinem Dokument ist übrigens fast immer mehr als eine Normseite, weil Word bei normaler Schriftgröße deutlich mehr Zeichen auf eine Seite packt.
Was kostet ein Lektorat, was ein Korrektorat?
Feste Preise gibt es nicht. Der VFLL nennt als Verband bewusst keine konkreten Honorare, und freie Lektoren kalkulieren je nach Textsorte, Zustand des Manuskripts und Aufwand. Damit du trotzdem eine Vorstellung bekommst, hier ein paar geprüfte Richtwerte, Stand Februar 2026:
Die Selfpublishing-Plattform epubli nennt für ein Korrektorat etwa 3 bis 7 Euro pro Normseite oder 20 bis 45 Euro pro Stunde und für ein Lektorat etwa 4 bis 7 Euro pro Normseite (1.500 Zeichen). Der Dienstleister BoD bietet selbst Korrektorat für 3,50 Euro und Lektorat für 6,80 Euro je Normseite an, jeweils mit 1.500 Zeichen und einem Mindestauftragswert von 129 Euro (Preise bei BoD).
Eine Beispielrechnung mit den BoD-Preisen: Ein Roman mit 300 Normseiten kostet im Korrektorat rund 1.050 Euro, im Lektorat rund 2.040 Euro. Ein Kinderroman mit 100 Normseiten liegt bei etwa 350 Euro fürs Korrektorat und 680 Euro fürs Lektorat. Ein Bilderbuchtext ist dagegen oft nur wenige Normseiten lang. Da zählt der Seitenpreis kaum, dafür greift schnell ein Mindestauftragswert oder eine Pauschale. Frag bei kurzen Texten also direkt nach dem Gesamtpreis.
Das sind Richtwerte, keine Garantie. Ein Manuskript mit vielen Baustellen braucht mehr Zeit als ein sauberes, und ein intensives Lektorat mit mehreren Durchgängen kostet mehr als ein einzelner Blick. Wie sich das in die Gesamtkosten eines Buches einfügt, habe ich in meinem Artikel Kinderbuch veröffentlichen 2026 aufgeschlüsselt.
Was dein Buch wirklich braucht
Das hängt vor allem davon ab, wohin dein Manuskript gehen soll.
Wenn du bei einem Verlag einreichen willst, brauchst du in der Regel kein bezahltes Lektorat. Nimmt der Verlag dein Buch an, übernimmt er Lektorat und Korrektorat selbst. Was du einreichst, sollte trotzdem so gut überarbeitet und so fehlerarm sein, wie du es allein hinbekommst. Ein Text voller Tippfehler landet schneller auf dem Absagestapel.
Wenn du selbst veröffentlichst, bist du dein eigener Verlag. Dann ist ein Korrektorat das Minimum. Leser verzeihen eine Geschichte, die nicht ganz ihren Geschmack trifft, eher als Fehler auf jeder zweiten Seite. Ein Lektorat lohnt sich besonders bei deinem ersten Buch, wenn du unsicher bist, ob die Geschichte trägt, oder wenn du ein Genre schreibst, dessen Regeln du noch nicht ganz kennst. Warum das Veröffentlichen ohne Korrektur einer der häufigsten Stolpersteine ist, findest du in meinem Artikel über die 7 häufigsten Selfpublishing-Fehler.
Und die Reihenfolge? Erst Testleser, dann deine Überarbeitung, dann das Lektorat, dann noch einmal deine Überarbeitung. Das Korrektorat kommt ganz zum Schluss, wenn sich am Text nichts mehr ändert. Jede neue Änderung bringt neue Fehler mit, und du willst die Korrektur nicht zweimal bezahlen.
Testleser und Selbstlektorat: Was du vorher selbst tun kannst
Je mehr du vorher selbst machst, desto mehr kann sich ein Lektorat um die großen Fragen kümmern, und desto weniger kostet oft die Korrektur. Auch wer viel liest und Literatur studiert hat, wie ich, wird im eigenen Text betriebsblind. Ein paar Tricks helfen trotzdem:
- Lass den Text mindestens zwei Wochen liegen, bevor du ihn überarbeitest.
- Lies ihn laut. Stolpersätze und Wortwiederholungen hörst du sofort.
- Druck ihn aus oder stell eine andere Schrift ein. Dein Auge liest dann wieder genauer.
- Führ eine Liste mit Namen, Orten, Daten und Eigenheiten deiner Figuren und prüf den Text dagegen.
- Such gezielt nach deinen Lieblingsfüllwörtern wie „eigentlich“, „irgendwie“ oder „dann“.
Testleser ersetzen kein Lektorat, aber sie zeigen dir, wie deine Geschichte bei echten Lesern ankommt. Wo wird es langweilig? Was bleibt unklar? Welche Figur mögen sie, welche nicht? Such dir zwei oder drei Menschen, die gern in deinem Genre lesen, und gib ihnen zwei, drei konkrete Fragen mit. Wie du danach mit deinem Entwurf weiterarbeitest, habe ich in meinem Artikel Der erste Entwurf ist fertig, was nun? beschrieben.
So findest du den passenden Lektor
Ein guter Startpunkt ist das Lektoratsverzeichnis des VFLL. Dort kannst du nach Fachgebieten suchen, zum Beispiel nach Kinder- und Jugendbuch oder Belletristik. Frag außerdem in Autorengruppen nach Empfehlungen. Wer mit jemandem gute Erfahrungen gemacht hat, erzählt das gern.
Bevor du einen Auftrag vergibst, bitte um ein Probelektorat von ein paar Seiten. So siehst du, wie jemand arbeitet und ob dir die Art der Anmerkungen weiterhilft. Klär vorab, welche Normseite gilt, wie viele Durchgänge im Preis enthalten sind, bis wann der Text zurückkommt und in welcher Form, etwa mit Änderungsverfolgung in Word. Vorsicht bei Angeboten, die für ein ganzes Romanlektorat einen Preis nennen, der kaum über einem Abendessen zu zweit liegt. Gründliche Arbeit braucht Zeit.
Und vergiss nicht, dass es dein Buch bleibt. Ein Lektorat macht Vorschläge. Du entscheidest, welche du annimmst. Wenn dir eine Anmerkung gegen den Strich geht, lohnt sich trotzdem die Frage, warum sie gemacht wurde. Oft steckt ein echtes Problem dahinter, auch wenn die vorgeschlagene Lösung nicht zu dir passt.
Ob Lektorat, Korrektorat oder beides: Wenn du weißt, was dein Text braucht, gibst du dein Geld gezielt aus und gehst mit einem besseren Buch an den Start. Fang mit dem an, was du selbst tun kannst, und hol dir dann die Hilfe, die wirklich fehlt.
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