Irgendwann in den Sommerferien kommt dieser Satz. Im Auto auf der Autobahn, auf der Picknickdecke oder in der Schlange vor der Eisdiele: „Mir ist langweilig.“ Das ist kein Notfall. Das ist eine Einladung. Denn Geschichten erfinden mit Kindern geht fast überall, und Langeweile ist dafür der beste Anfang.
In den meisten Bundesländern haben die Sommerferien schon begonnen, in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern geht es in den nächsten Wochen los (die Termine stehen im Ferienkalender der Kultusministerkonferenz). Vor dir liegen also viele lange Tage. Hier sind sieben Erzählspiele, die in diesem Sommer zu eurem Ferienritual werden können. Für jedes Spiel findest du ein ungefähres Alter, das Material und den Ablauf. Die Altersangaben sind Richtwerte. Du kennst deine Kinder am besten.
Warum Geschichten erfinden mit Kindern so gut funktioniert
Kinder erzählen ständig. Sie erklären dir, warum der Stock in ihrer Hand eigentlich ein Zauberstab ist und wer im Gebüsch wohnt. Beim gemeinsamen Erfinden passiert etwas Besonderes: Du hörst nicht nur zu, du spielst mit. Und das Kind merkt, dass seine Ideen zählen, auch die ganz verrückten.
Dafür brauchst du keine pädagogische Ausbildung und kein Talent zum Erzählen. Du brauchst nur die Bereitschaft, dich überraschen zu lassen. Die meisten dieser Spiele funktionieren ohne Bildschirm, ohne Vorbereitung und überall, wo man sitzt, läuft oder wartet.
Spiele ohne Material: für Auto, Wanderung und Warteschlange
1. Die Satzkette
Ab etwa 4 Jahren. Material: keins.
Eine Person beginnt mit einem Satz: „Es war einmal ein Igel, der konnte nicht schlafen.“ Die nächste Person hängt einen Satz an, dann die nächste, immer reihum. Niemand weiß, wo die Geschichte hinläuft, und genau das macht den Spaß aus. Für Kleinere reicht ein halber Satz, den du anfängst und das Kind beendet.
Eine Variante für Größere: Abwechselnd beginnt jeder Satz mit „Zum Glück …“ oder „Leider …“. „Leider fiel der Igel in den Bach.“ „Zum Glück kam gerade ein Blatt vorbeigeschwommen.“ „Leider war das Blatt ein Frosch.“ So entsteht fast von allein ein Auf und Ab, wie in einer richtigen Geschichte.
2. Was wäre, wenn …?
Ab etwa 5 Jahren. Material: keins.
Eine Person stellt eine Was-wäre-wenn-Frage, und alle spinnen sie weiter. Was wäre, wenn unser Hund plötzlich sprechen könnte? Was wäre, wenn es einen Tag lang nach oben regnet? Was wäre, wenn die Oma in Wirklichkeit eine Piratin ist? Frag nach: Was würde der Hund als Erstes sagen? Wem würde er ein Geheimnis verraten?
Solche Fragen tragen ganze Bücher. In meinem Kinderbuch „Theo, der T-Rex, hat Zahnschmerzen“ wacht ein T-Rex mit furchtbaren Zahnschmerzen auf, wieder einmal, und macht sich mit seiner Freundin Dora auf den Weg, den weisen alten Triceratops um Rat zu fragen. Was macht ein Dinosaurier, wenn ihm der Zahn wehtut? Aus so einer Frage kann eine ganze Reise werden.
Spiele mit kleinen Dingen: Würfel, Rucksack, Postkarte
3. Der Geschichtenwürfel
Ab etwa 4 Jahren. Material: ein oder mehrere Würfel mit Bildern.
Geschichtenwürfel gibt es fertig zu kaufen, du kannst sie aber auch selbst machen. Kleb kleine Zettel auf normale Würfel oder bastle einen Würfel aus Papier. Auf jede Seite kommt ein Bild: ein Schlüssel, ein Mond, ein Boot, ein Kuchen, ein Drache, ein Regenschirm. Jetzt wird gewürfelt, und das Bild muss in der Geschichte vorkommen. Mit einem Würfel erzählt ihr Satz für Satz weiter, mit drei Würfeln habt ihr gleich das Material für eine ganze Geschichte. Kleine Kinder malen die Symbole gern selbst, dann ist das Basteln schon der erste Teil des Spiels.
4. Die Figur aus dem Rucksack
Ab etwa 4 Jahren. Material: ein Rucksack oder eine Tasche.
Jedes Kind greift, ohne hinzuschauen, in den Rucksack und zieht einen Gegenstand heraus. Die Sonnenbrille, das Kuscheltier, eine Muschel, der Schlüsselbund. Dieser Gegenstand wird zur Hauptfigur. Wie heißt sie? Was wünscht sie sich mehr als alles andere? Und was steht ihr dabei im Weg? Die Muschel will vielleicht zurück ins Meer, die Sonnenbrille hat Angst im Dunkeln. Mit diesen drei Fragen hat jede Figur sofort eine Geschichte. Übrigens stellen sich auch Erwachsene, die Kinderbücher schreiben, genau diese Fragen. Mehr dazu findest du in meinem Artikel über Kinderbuchfiguren.
5. Die Postkartengeschichte
Ab etwa 6 Jahren, Kleinere diktieren. Material: Postkarten, Stift, Briefmarke.
Nehmt eine Ansichtskarte aus dem Urlaub und schaut euch das Bild genau an. Wer wohnt in dem Haus am Hafen? Was ist hinter dem Fenster oben links passiert? Die Geschichte kommt auf die Rückseite, so kurz, wie der Platz es erlaubt. Und dann geht sie mit der Post an die Großeltern, an die Patentante oder an eine Freundin. Wenn die Empfänger mitspielen, schreiben sie die Fortsetzung auf eine neue Karte und schicken sie zurück. So wird aus Urlaubspost eine Fortsetzungsgeschichte, die bis in den Herbst reicht. Was eine Postkarte sonst noch alles kann, habe ich in meinem Artikel über Urlaubspost aufgeschrieben.
Für Regentage: Hörspiel und Bildergeschichte
6. Ein Hörspiel aufnehmen
Ab etwa 6 Jahren. Material: ein Handy mit Sprachaufnahme, Dinge aus der Küche.
Zuerst braucht ihr eine Geschichte, am besten eine, die ihr schon mit einem der anderen Spiele erfunden habt. Verteilt die Rollen: Wer erzählt, wer spricht den Drachen, wer die Prinzessin, die keine Lust auf Retten hat? Dann geht es an die Geräusche. Ein Blech, das man schüttelt, klingt nach Donner. Zerknülltes Papier knistert wie ein Feuer. Zwei Becher, die man auf den Tisch klopft, werden zu Pferdehufen. Nehmt alles mit der Sprachaufnahme am Handy auf, Szene für Szene. Versprecher dürfen drinbleiben, die sind später oft das Lustigste. Am Ende gibt es eine Premiere für die ganze Familie.
7. Die Bildergeschichte
Ab etwa 3 Jahren. Material: Papier, Stifte.
Falte ein Blatt so, dass vier oder sechs Kästchen entstehen. In jedes Kästchen kommt ein Bild, und zusammen ergeben sie eine Geschichte. Größere Kinder malen und schreiben selbst, wie in einem kleinen Comic. Bei den Kleinsten malt das Kind, und du schreibst unter jedes Bild, was es dir dazu erzählt, Wort für Wort. Du wirst staunen, was in so einem Strichmännchen steckt. Die fertigen Blätter kannst du lochen und sammeln. Am Ende der Ferien habt ihr ein eigenes Buch.
So bleibt die Geschichte lebendig: Tipps für Erwachsene
Bei allen sieben Spielen gilt: Das Kind erzählt, du spielst mit. Ein paar Dinge helfen dabei:
- Sag „Ja, und …“ statt „Nein, das geht nicht“. Wenn der Igel fliegen kann, dann kann er eben fliegen.
- Korrigier nichts, weder Grammatik noch Logik. Die Geschichte gehört dem Kind.
- Frag nach, statt vorzugeben: „Und was passiert dann?“ bringt mehr als jede eigene Idee.
- Schreib die besten Geschichten auf oder nimm sie auf. In ein paar Jahren sind sie ein Schatz.
- Hör auf, wenn es am schönsten ist. Dann freuen sich alle auf die nächste Runde.
Wenn ihr lieber zuhört als erzählt: Wie Vorlesen richtig lebendig wird, zeige ich dir in meinem Artikel mit Tipps zum Vorlesen.
Mehr als ein paar Minuten und ein bisschen Mut zum Unsinn braucht es nicht. Vielleicht ist die Geschichte vom Igel, der nicht schlafen konnte, am Ende das, woran sich alle von diesem Sommer erinnern. Probier heute ein Spiel aus, beim Abendessen, auf dem Weg zum Schwimmbad oder vor dem Einschlafen.
Wenn ihr nach all dem Erfinden Lust auf eine Geschichte zum Vorlesen habt, nehmt Theo, der T-Rex, hat Zahnschmerzen als E-Book mit in die Ferien. Und falls beim Spielen eine Idee entsteht, die dich selbst nicht mehr loslässt: In meiner Kinderbuch-Schatzkiste findest du den Weg von der ersten Idee bis zum eigenen Kinderbuch, in zehn Schritten.