Aufgeschlagenes Bilderbuch, kleiner Stapel Kinderbücher, Strickdecke und Windlicht mit brennender Kerze auf einer Terrazzokante vor heller Wand in der Sonne

Vorlesen mit Kindern: 9 Tipps, damit die Geschichte lebendig wird

Am Freitag, dem 21. November, ist Bundesweiter Vorlesetag. Überall in Deutschland lesen dann Menschen vor, in Kitas, Schulen, Bibliotheken und zu Hause auf dem Sofa. Das Motto in diesem Jahr: „Vorlesen spricht Deine Sprache“. Den Vorlesetag gibt es seit 2004, heute richten ihn die Stiftung Lesen, DIE ZEIT und die Deutsche Bahn Stiftung gemeinsam aus.

Ein schöner Anlass. Und ein nötiger: Laut Stiftung Lesen wird jedem dritten Kind nicht oder nur selten vorgelesen. Ich glaube, oft liegt es gar nicht am fehlenden Willen, sondern an Unsicherheit. „Ich kann das nicht so gut.“ „Ich klinge so komisch.“ Dabei braucht Vorlesen mit Kindern keine Schauspielausbildung. Es braucht ein paar kleine Kniffe. Hier sind meine neun Tipps, damit die Geschichte lebendig wird.

Bevor du anfängst

1. Such ein Buch, das zum Alter passt

Das beste Vorlesen hilft wenig, wenn das Buch nicht passt. Für die Kleinsten sind es Bücher mit großen Bildern und wenig Text, bei denen man auf Dinge zeigen und sie benennen kann. Mit drei, vier Jahren werden für viele Kinder Bilderbücher mit einer richtigen Handlung spannend. Und irgendwann kommt der Moment, in dem ein Kind bereit ist für eine längere Geschichte, die über mehrere Abende geht. Die Altersangabe auf dem Buch ist ein guter Anhaltspunkt. Wichtiger ist dein Kind: Hört es gebannt zu oder rutscht es nach zwei Seiten vom Sofa? Dann kommt das Buch vielleicht zu früh, oder dein Kind ist ihm schon entwachsen.

2. Lies das Buch vorher einmal selbst

Klingt nach Aufwand, dauert bei einem Bilderbuch fünf Minuten. Du weißt dann, wo die Wendung kommt, wo es lustig wird und wer spricht. Du stolperst nicht über einen langen Satz und musst nicht mitten in der spannendsten Szene überlegen, wie man einen Namen ausspricht. Und du merkst, ob dir das Buch selbst gefällt. Das hört man nämlich.

Beim Vorlesen mit Kindern: Stimme, Pausen, Blick

3. Gib den Figuren eine Stimme

Du musst keine zehn Stimmen draufhaben. Es reicht, wenn jede Figur eine kleine Eigenheit bekommt. Eine spricht langsam, eine andere hoch und schnell, eine dritte nuschelt ein bisschen. Wie klingt zum Beispiel ein T-Rex, der mit Zahnschmerzen aufwacht? Und wie ein weiser alter Triceratops? Probier es aus. Kinder lieben es, wenn Erwachsene sich dabei ein bisschen lächerlich machen. Wichtig ist nur, dass die Figur ihre Stimme behält. Sonst wird es verwirrend.

4. Mach Pausen und spiel mit dem Tempo

Die Pause ist das unterschätzteste Werkzeug beim Vorlesen. Kurz vor dem Umblättern. Vor der Antwort auf die große Frage. Nach dem Satz, bei dem das Kind die Luft anhält. Zähl innerlich bis drei, bevor du weiterliest. Auch das Tempo darf sich ändern: schneller, wenn jemand rennt, langsamer und leiser, wenn es unheimlich wird. Flüstern wirkt oft stärker als jede laute Stimme.

5. Schau immer wieder hoch

Beim Vorlesen hängt der Blick schnell im Buch fest. Schau zwischendurch auf. Zum Beispiel am Ende eines Satzes oder vor dem Umblättern. So siehst du, ob dein Kind lacht, ob es Angst hat, ob es gerade gar nicht mehr zuhört. Und dein Kind merkt: Du liest nicht einfach Wörter ab. Du erzählst mir etwas.

Vorlesen heißt: gemeinsam erzählen

6. Lass dein Kind mitreden

Wenn dein Kind mitten im Satz fragt, warum der Fuchs so guckt, dann ist das keine Störung. Das ist das Beste, was passieren kann. Es denkt mit. Beantworte die Frage oder gib sie zurück: „Was glaubst du denn?“ Du kannst auch selbst fragen, bevor du umblätterst: „Was passiert jetzt wohl?“ Oder auf ein Bild zeigen und fragen, was dort los ist. So wird aus dem Zuhören ein Gespräch.

7. Erlaub die Wiederholung

Dasselbe Buch. Zum zwanzigsten Mal. Für Erwachsene manchmal eine Geduldsprobe, für Kinder ein großes Vergnügen. Sie wissen, was kommt, und genau das macht Spaß. Sie können die Stelle vorhersagen, an der der Held stolpert, und sie freuen sich jedes Mal wieder darüber. Mach ein Spiel daraus: Hör mitten im bekannten Satz auf und lass dein Kind ihn zu Ende sprechen. Wenn du beim Vorlesen merkst, wo ein Text holpert, ist das übrigens ein guter Hinweis auf Stellen, die auch beim Schreiben knifflig sind. Mehr dazu findest du in meinem Artikel über die häufigsten Fehler beim ersten Kinderbuch.

8. Hör auf, wenn es am schönsten ist

Bei längeren Geschichten, die über mehrere Abende gehen, darfst du ruhig an einer spannenden Stelle aufhören. Dann freut sich dein Kind auf morgen. Und wenn es müde wird oder mit den Gedanken woanders ist, dann hör auch auf. Vorlesen soll kein Programm sein, das abgearbeitet wird. Lieber fünf Minuten mit voller Aufmerksamkeit als eine halbe Stunde, in der alle nur durchhalten.

Vorlesen, wenn Kinder schon selbst lesen

9. Lies auch Größeren noch vor

Viele hören mit dem Vorlesen auf, sobald das Kind selbst lesen kann. Schade eigentlich. Kinder verstehen beim Zuhören oft Geschichten, die sie selbst noch nicht lesen könnten. Längere Sätze, schwierigere Wörter, eine Handlung mit mehr Wendungen. Beim Vorlesen erlebt ihr das gemeinsam, ohne dass dein Kind sich durch jede Zeile kämpfen muss. Und die Zeit zusammen auf dem Sofa ist mit acht oder zehn Jahren genauso schön wie mit vier. Ihr könnt euch auch abwechseln: eine Seite du, eine Seite dein Kind.

Selbst vorzulesen kann für Kinder ein großer Moment sein. Ich habe früher in der Schule meine eigenen Geschichten sogar freiwillig vor der ganzen Klasse vorgelesen. Später konnte ich mir das kaum noch vorstellen. Wie das kam und wie ich trotzdem wieder zum Schreiben gefunden habe, erzähle ich in der Geschichte hinter Holla.

Am Freitag einfach anfangen

Du musst am Vorlesetag keine Lesung in der Schule halten. Es reicht ein Buch, ein gemütlicher Platz und eine Viertelstunde, in der das Handy in einem anderen Zimmer liegt. Vielleicht liest du einem Kind vor, dem sonst selten jemand vorliest. Dem Nachbarsjungen, deiner Nichte, einer Kita-Gruppe. Vielleicht reicht auch dein eigenes Sofa. Wenn du vorher testen willst, wie sich eine meiner Geschichten laut gelesen anfühlt, probier es mit der Leseprobe von Holla.

Und falls du noch ein Buch zum Vorlesen suchst: Theo, der T-Rex, hat Zahnschmerzen gibt es als E-Book. Theo macht sich mit seiner Freundin Dora auf den Weg zum weisen alten Triceratops. Da kannst du gleich mehrere Dino-Stimmen ausprobieren. Holla, die Waldfee, träumt vom Meer ist für Kinder ab 8 Jahren und reicht für ein paar Abende hintereinander.

Zurück zum Blog