Seit der Zeitumstellung ist es um fünf dunkel. Du kommst von der Arbeit, der Kopf ist voll mit Mails und Besprechungen, und irgendwo in einem Ordner wartet dein Manuskript. Seit Wochen. Du weißt, dass du schreiben willst. Aber heute Abend? Eigentlich willst du nur noch aufs Sofa. Schreiben neben dem Hauptberuf fühlt sich an solchen Abenden fast unmöglich an.
Ich kenne das gut. Ich arbeite Vollzeit im Online-Marketing, und mein erstes Buch habe ich zum großen Teil in der U-Bahn geschrieben, in der Notizen-App meines Handys. Schreiben neben dem Job geht. Nur anders, als man es sich vorstellt. Es braucht keine freien Wochenenden und keinen Urlaub am Stück. Es braucht ein paar kleine, gut gewählte Fenster und einen freundlichen Umgang mit dir selbst.
Schreiben neben dem Hauptberuf: kleine Fenster statt freier Tage
Der größte Irrtum beim Schreiben neben dem Hauptberuf ist der große freie Tag. „Am Samstag schreibe ich richtig.“ Und dann kommt der Samstag mit Einkauf, Wäsche, Geburtstag und einem Kopf, der nach fünf Arbeitstagen einfach Ruhe will. Der Samstag ist vorbei, das Manuskript ist nicht gewachsen, und du fühlst dich schlechter als vorher.
Kleine Fenster funktionieren besser, weil sie in deinen echten Alltag passen. Bei mir waren es die Fahrten zur Arbeit und zurück, jeden Morgen und meistens auch abends, zusammen gut 40 bis 50 Minuten am Tag. Je nachdem, wie schnell die U-Bahn fuhr. Bei dir sind es vielleicht die halbe Stunde vor dem Frühstück, die Mittagspause oder die Zeit, wenn die Kinder im Bett sind.
Rechne es einmal durch. Angenommen, du schaffst in einer halben Stunde 250 Wörter. An fünf Tagen in der Woche sind das 1.250 Wörter. Nach einem Jahr hast du über 60.000 Wörter geschrieben. Das ist die Länge eines Romans. Und zwar einer, für den du keinen einzigen freien Samstag geopfert hast.
Wichtig ist nur, dass das Fenster fest ist. Nicht: „Ich schreibe, wenn ich Zeit habe.“ Sondern: „Ich schreibe dienstags und donnerstags um sieben, bevor alle aufwachen.“ Mehr dazu, wie du dich überhaupt an den Schreibtisch bringst, findest du in meinem Artikel über Disziplin beim Schreiben.
Energie planen statt Minuten zählen
Eine Stunde am Abend nach einem langen Arbeitstag ist etwas anderes als eine Stunde am Morgen. Auf dem Papier sind beide gleich lang. In deinem Kopf sind sie es nicht. Deshalb lohnt es sich, deine Energie mitzuplanen.
Beobachte eine Woche lang, wann du wach und klar bist und wann du nur noch funktionierst. Dann verteil deine Schreibarbeit danach. Nicht jede Aufgabe rund ums Buch braucht dieselbe Kraft:
- Viel Energie: neue Szenen schreiben, schwierige Kapitel anfangen, das Ende finden.
- Mittlere Energie: überarbeiten, Dialoge schärfen, eine Szene umbauen.
- Wenig Energie: Notizen sortieren, Namen recherchieren, das letzte Kapitel noch einmal lesen, in einem guten Buch lesen.
So ist auch der müde Dienstagabend kein verlorener Abend. Du schreibst dann eben keine neue Szene. Du liest das letzte Kapitel und notierst drei Stichpunkte für morgen. Das zählt. Es hält den Faden in der Hand, und am nächsten Morgen musst du nicht bei null anfangen.
Die Woche planen, in zehn Minuten
Zeitmanagement für Autoren klingt nach Tabellen und Apps. Du brauchst nichts davon. Es reichen zehn Minuten am Sonntagabend und dein Kalender.
Schau dir die kommende Woche an. Wo sind lange Arbeitstage, wo Termine mit der Familie, wo ein Abend, an dem du sicher müde bist? Dann trag dir drei oder vier Schreibfenster ein, wie einen Termin mit einer Person, die dir wichtig ist. Und schreib gleich dazu, was du in diesem Fenster machst. Nicht „am Buch arbeiten“, sondern „die Szene, in der sie den Brief findet“. Wenn du weißt, womit du anfängst, verlierst du keine Zeit mit der Frage, wo du eigentlich stehst.
Plane lieber drei Termine, die du hältst, als sieben, die du verschiebst. Jeder gehaltene Termin ist ein kleiner Beweis dafür, dass Schreiben in dein Leben passt. Jeder verschobene fühlt sich wie ein kleines Versagen an, und davon hast du nach einem Arbeitstag genug.
Übergangsrituale: vom Arbeitskopf in den Schreibkopf
Das Schwierigste am Schreiben neben dem Job ist oft der Wechsel. Eben hast du noch eine Präsentation fertig gemacht, jetzt sollst du plötzlich in einem Wald voller Feen sein. Das geht selten auf Knopfdruck.
Ein kleines Ritual hilft deinem Kopf beim Umschalten. Das kann eine Tasse Tee sein, die du nur zum Schreiben kochst. Eine bestimmte Playlist. Fünf Minuten um den Block. Oder ein Blatt Papier, auf das du alles schreibst, was vom Arbeitstag noch in deinem Kopf herumschwirrt, damit es dort liegt und nicht mehr in dir. Für mich war die U-Bahn so ein Übergang: einsteigen, Handy raus, Notizen-App auf.
Und dann ein Trick für das Ende jeder Schreibzeit: Hör nicht auf, wenn dir nichts mehr einfällt. Hör auf, wenn du weißt, wie es weitergeht. Ernest Hemingway hat Schreibenden genau das geraten, und es funktioniert bis heute. Wer mitten im Gedanken aufhört, findet beim nächsten Mal viel leichter wieder hinein.
Pausen ohne schlechtes Gewissen
Es wird Wochen geben, in denen nichts geht. Ein großes Projekt im Job, ein krankes Kind, ein Umzug, eine Erkältung, die sich zieht. Das ist kein Scheitern. Das ist das Leben neben dem Schreiben.
Mir ist das mit Holla passiert. Im Oktober 2023 hat mein Vollzeitjob mich so in Beschlag genommen, dass ich mein Schreibprojekt darüber ganz vergessen habe. Plötzlich war Januar 2024. Wieder angefangen habe ich mit einem einzigen Satz am Tag, nach der Lektüre von „Atomic Habits“. Nicht viel. Ohne Druck. Aber es hat gereicht, um wieder drin zu sein.
Deshalb mein Tipp: Eine Pause ist leichter, wenn du sie bewusst nimmst, statt einfach wegzurutschen. Sag dir: „Bis Ende des Monats schreibe ich nicht, und das ist in Ordnung.“ Trag dir den Tag ein, an dem du wieder anfängst. Und wenn du willst, halte einen ganz dünnen Faden: einen Satz am Tag schreiben, eine Seite lesen, eine Idee ins Handy tippen. Wenn du zurückkommst, hol nichts nach. Fang einfach wieder an, klein, mit dem nächsten Satz.
Schreiben neben dem Hauptberuf heißt nicht, dass du weniger ernsthaft schreibst. Es heißt nur, dass deine Geschichte in kleineren Stücken entsteht. Such dir für diese Woche ein einziges festes Fenster aus. Eine halbe Stunde. Trag es ein. Und dann schau, was passiert.
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