Frag ein Kind nach seinem Lieblingsbuch, und es wird dir vermutlich zuerst von einer Figur erzählen. Von Pippi, die ihr Pferd hochheben kann. Von der Raupe, die sich durch eine ganze Woche frisst. Die Handlung kommt später, wenn überhaupt. Wer Kinderbuchfiguren entwickeln will, fängt deshalb am besten bei der Figur an und nicht beim Plot.
Eine gute Figur für Kinder braucht keinen langen Steckbrief. Sie braucht ein paar wenige Dinge, und die müssen sitzen: einen Wunsch, eine Schwäche, ein Markenzeichen, die richtigen Menschen oder Tiere um sich herum und einen Namen, den man gern laut sagt. Ich zeige dir, wie du das angehst, mit Beispielen aus Klassikern und aus meinen eigenen Büchern.
Kinderbuchfiguren entwickeln: Was will deine Figur?
Alles beginnt mit einem Wunsch. Das kleine Gespenst von Otfried Preußler will die Welt einmal bei Tag sehen. Die Raupe Nimmersatt hat Hunger. Theo, der T-Rex, wacht mit furchtbaren Zahnschmerzen auf, und zwar wieder einmal. Er will, dass sie weggehen. Mehr braucht es am Anfang nicht.
Kinder verstehen Wünsche, die man anfassen kann. „Sie will glücklich sein“ ist für ein Kind zu abstrakt. „Sie will ans Meer“ ist ein Bild, das sofort im Kopf entsteht. Bei Holla war das so. Als ich angefangen habe, wusste ich noch nicht, wie die Geschichte endet, aber eins war von Anfang an klar: Holla, die Waldfee, hat genug vom Wald und zieht ans Meer. Diesen einen Satz versteht jedes Kind, auch ohne Bild dazu.
Spannend wird es, wenn der Wunsch sich unterwegs verändert. Holla zieht in einen rot-gelb gestreiften Leuchtturm direkt am Strand, und dann ist das Leben am Meer anders als gedacht. Viel sandiger. Die Frage ist irgendwann nicht mehr, ob sie ans Meer kommt, sondern ob das wirklich ihr Traum war. So eine Wendung funktioniert auch für Kinder, solange der Wunsch am Anfang klar und greifbar ist.
Eine kleine Übung: Schreib einen Satz nach dem Muster „Meine Figur will …, aber …“. Wenn du den Satz nicht in einem Atemzug sagen kannst, ist der Wunsch noch zu unscharf.
Die Schwäche: Warum es nicht einfach klappt
Eine Figur, die alles kann, ist langweilig. Kinder brauchen eine Heldin, die an etwas scheitert, weil sie selbst jeden Tag an Dingen scheitern. Am Schuhebinden, an der Angst vor dem Hund, an zu hohen Regalen.
Die besten Schwächen stehen dem Wunsch direkt im Weg. Holla will ans Meer, aber sie ist ein Waldgeist und kann nicht schwimmen. Wie mich genau das beim Schreiben eine ganze Weile festgehalten hat, habe ich in Behind the Book erzählt. Und Theo? Ausgerechnet der T-Rex, das Tier mit den berühmtesten Zähnen der Urzeit, hat Zahnschmerzen. Groß und stark zu sein, hilft ihm da überhaupt nichts. Kinder verstehen diesen Witz sofort, und sie verstehen auch das Gefühl dahinter: Man kann noch so groß sein, manchmal braucht man trotzdem Hilfe.
Wichtig ist, dass die Schwäche liebenswert bleibt. Ungeduld, Angst, Übermut, zu viel Neugier, das kennen Kinder von sich selbst. Eine Figur, die gemein ist und dafür bestraft wird, macht aus der Geschichte schnell eine Lektion. Ein Kind soll mit deiner Figur mitfiebern und nicht über sie urteilen.
Das Markenzeichen: Woran Kinder deine Figur erkennen
Pippi Langstrumpf erkennt man an den roten Zöpfen, bevor man ihren Namen liest. Dazu kommen das Pferd auf der Veranda und Herr Nilsson, der Affe. Ein Markenzeichen macht eine Figur unverwechselbar, und es gibt Kindern etwas, woran sie sich festhalten können.
Das muss kein Aussehen sein. Es kann ein Gegenstand sein, den die Figur immer dabeihat. Ein Satz, den sie in jeder brenzligen Lage sagt. Eine Angewohnheit, eine Macke, ein Lieblingsessen. Beim Vorlesen sind wiederkehrende Sätze besonders schön, weil Kinder nach dem zweiten Mal mitsprechen.
Ein Test, den ich mag: Könnte ein Kind deine Figur nach dem Vorlesen aus dem Gedächtnis malen? Wenn ja, hat sie ein Markenzeichen. Wenn das Bild nur „ein Mädchen“ oder „ein Hase“ zeigt, fehlt noch etwas.
Tier, Mensch oder Fabelwesen?
Viele Kinderbücher erzählen von Tieren, und das hat gute Gründe. Ein Tier schafft Abstand. Über einen Bären, der sich im Wald verläuft, kann ein Kind entspannter lachen als über ein Kind, das sich im Supermarkt verläuft. Tiere haben kein bestimmtes Alter, keine Schulklasse, keine Kleidung, die aus der Mode kommt. Viele Kinder finden sich in ihnen wieder.
Ein typischer Fehler dabei: ein Mensch im Fell. Wenn es egal ist, ob deine Hauptfigur ein Igel oder ein Eichhörnchen ist, nutzt du das Tier nicht. Bei Theo ist es umgekehrt. Die ganze Geschichte hängt daran, dass er ein T-Rex ist. Frag dich also: Was kann oder weiß mein Tier, was sonst keiner kann? Was macht ihm Probleme, weil es genau dieses Tier ist?
Menschenkinder als Hauptfiguren bringen dagegen Nähe. Wenn es um Geschwister, den ersten Tag in der Kita oder den Umzug in eine neue Stadt geht, erkennen Kinder ihren eigenen Alltag wieder. Und dann gibt es noch die Fabelwesen dazwischen, Feen, Gespenster, Drachen. Sie dürfen zaubern und in unmöglichen Welten leben und sind trotzdem mit sehr menschlichen Sorgen beschäftigt. Holla hat einen Job als Wald-F.E.E., auf den sie keine Lust mehr hat. Das versteht jeder Erwachsene, und Kinder verstehen, dass sie weg will.
Nebenfiguren: Freunde, Helfer und Hindernisse
Keine Hauptfigur ist allein unterwegs. Theo hat seine Freundin Dora, die mit ihm aufbricht. Eine Freundin an der Seite ist für Kinder wichtig, weil sie zeigt: Mit Problemen muss man nicht allein fertigwerden. Außerdem kann die Hauptfigur mit ihr reden, und Dialoge sind beim Vorlesen lebendiger als lange Beschreibungen.
Dann gibt es die Helfer. Theo und Dora suchen den weisen alten Triceratops auf, um ihn um Rat zu fragen. Und was bekommen sie? Ein Rätsel. Das ist für mich die schönste Art von Helfer, einer, der die Lösung nicht verrät. Wenn eine weise Figur das Problem einfach löst, nimmt sie deiner Hauptfigur die Geschichte weg. Kinder wollen erleben, dass die Heldin es selbst schafft.
Und dann gibt es Figuren, die neuen Schwung in die Geschichte bringen. In Theos Geschichte spielen zum Beispiel Dr. Schmidt, die neue Streberin am Paläontologischen Institut in Berlin, und KIri, der schüchterne Laborassistent, eine Rolle. Den Triceratops, Dr. Schmidt und KIri kannst du jeweils mit einem Wort beschreiben: weise, strebsam, schüchtern. Genau das reicht. Nebenfiguren brauchen keine Vorgeschichte, sie brauchen eine klare Eigenschaft.
Wie viele Figuren dein Buch verträgt, hängt vom Format ab. In einem Bilderbuch sind zwei oder drei wichtige Figuren oft schon genug, im Kinderroman darf es eine ganze Bande sein. Welche Form zu deiner Idee passt, habe ich in Bilderbuch, Erstlesebuch oder Kinderroman? aufgeschrieben.
Der Name: Klingt er gut, wenn man ihn laut sagt?
Kinderbücher werden vorgelesen, oft Dutzende Male. Der Name deiner Figur muss also im Mund funktionieren. Kurz, leicht auszusprechen, gut zu merken. „Theo, der T-Rex“ hat zweimal den gleichen Anfangslaut und rollt deshalb von allein. „Holla, die Waldfee“ war zuerst ein Ausruf am Telefon, bevor es ein Buchtitel wurde. Namen, die schon einen Klang oder eine Geschichte mitbringen, bleiben hängen.
Achte darauf, dass sich deine Figuren gut unterscheiden lassen. Lena und Lina in einem Bilderbuch führen beim Vorlesen garantiert zu Verwirrung. Unterschiedliche Anfangsbuchstaben und eine unterschiedliche Silbenzahl helfen. Und lies alle Namen einmal laut in einem Satz vor. Wenn du stolperst, stolpert später jede Mutter und jeder Opa am Bett.
Wenn du jetzt an deiner eigenen Figur arbeiten willst, nimm dir eine Karteikarte und beantworte diese Fragen:
- Wie heißt deine Figur, und wie klingt der Name laut gesprochen?
- Was will sie, in einem Satz?
- Was steht ihr dabei selbst im Weg?
- Woran erkennt man sie sofort?
- Wer hilft ihr, und wer macht es ihr schwer?
Wenn die Karte voll ist, hast du mehr als einen Steckbrief. Du hast den Anfang einer Geschichte. Denn eine Figur mit einem Wunsch und einer Schwäche will losgehen, und du musst ihr eigentlich nur folgen. Was Kinder sonst noch an Büchern lieben, findest du in meinem Artikel Was ein gutes Kinderbuch ausmacht.
Wenn du nach der Figur gleich weitermachen willst, begleitet dich meine Kinderbuch-Schatzkiste in zehn Schritten von der Idee bis zum Launch, mit einem eigenen Kapitel zur Figur. Und wie Theo und Dora sich auf den Weg zum Triceratops machen, kannst du in Theo, der T-Rex, hat Zahnschmerzen nachlesen.