Aufgeschlagenes Notizbuch mit Bleistift, Karteikarten mit Büroklammer, ein kleines geschlossenes Notizbuch und eine Schale Tee auf einer Terrazzokante vor heller Wand in der Sonne

Ideen-Notizbuch: Wie du Einfälle festhältst, bevor sie verschwinden

Es ist kurz vor Mitternacht, das Licht ist schon aus, und plötzlich ist er da: der Satz, mit dem dein nächstes Kapitel anfangen muss. Du denkst: „Den merke ich mir.“ Am nächsten Morgen weißt du noch, dass da etwas Gutes war. Aber nicht mehr, was. Genau dafür gibt es das Ideen-Notizbuch.

Meine erste veröffentlichte Geschichte hat mit einem einzigen Satz am Telefon angefangen. Eine Freundin rief „Holla, die Waldfee!“ und meinte, darüber solle ich mal ein Buch schreiben. Am nächsten Morgen habe ich in der U-Bahn die Notizen-App geöffnet und losgeschrieben. Die ganze Geschichte dazu steht in meinem Behind the Book zu Holla. Seitdem weiß ich: Einfälle warten nicht. Wer schreibt, braucht einen Ort, an dem sie landen können.

Analog oder App: Welches Ideen-Notizbuch zu dir passt

Ein Heft aus Papier hat viele Vorteile. Es braucht keinen Akku, es meldet sich nicht mit Nachrichten, und du kannst Pfeile malen, Dinge einkreisen und eine kleine Skizze neben einen Satz setzen. Viele mögen auch, dass die Hand langsamer ist als die Tastatur. Man bleibt länger bei einem Gedanken. Der Nachteil: Papier lässt sich nicht durchsuchen, und das Heft liegt garantiert zu Hause, wenn dir im Wartezimmer die beste Idee des Monats kommt.

Das Handy hast du fast immer dabei. Eine Notizen-App wie Apple Notizen oder Google Notizen ist in Sekunden offen, und du findest alles über die Suche wieder. Wer gern Verbindungen zwischen Notizen herstellt, kann sich Programme wie Obsidian ansehen, in denen man Notizen miteinander verlinkt. Und beim Spazierengehen ist eine Sprachnotiz oft schneller als jedes Tippen. Der Nachteil: Zwischen Einkaufsliste, Paketnummer und zwölf Notizen namens „Neue Notiz“ gehen Ideen schnell unter. Und wer die App öffnet, landet leicht in den Nachrichten.

Welches ist nun das richtige? Das, das du wirklich dabeihast. Für viele funktioniert eine Mischung gut: Unterwegs landet alles im Handy, und einmal in der Woche wandert das, was sich lohnt, in ein schönes Heft. Gerade im Sommer, wenn du mehr draußen und unterwegs bist, passt ein kleines Heft in jede Tasche. Wie du auch im Urlaub am Schreiben dranbleibst, ohne dir die Ferien zu verderben, habe ich in Schreiben im Urlaub aufgeschrieben.

Was ins Ideen-Notizbuch gehört

Die kurze Antwort: alles, was dich stutzen lässt. Die längere Antwort:

  • Sätze, die dir einfallen, auch halbe, auch solche, die noch zu keiner Geschichte gehören
  • Namen, die dir auffallen, auf Klingelschildern, in der Zeitung, im Abspann eines Films
  • Gesprächsfetzen aus der Bahn oder der Bäckerschlange, möglichst im Wortlaut
  • kleine Bilder, die du gesehen hast, zum Beispiel jemand, der im Regen eine Torte über die Straße trägt
  • Fragen, die mit „Was wäre, wenn …“ anfangen
  • Stimmungen: wie sich ein Ort, ein Tag, eine Begegnung angefühlt hat

Beim letzten Punkt lohnt es sich, kurz zu verweilen. Die Schriftstellerin Joan Didion hat in ihrem Essay „On Keeping a Notebook“ beschrieben, dass es in ihrem Notizbuch nie darum ging, genau festzuhalten, was passiert ist. Sondern darum, wie es sich für sie angefühlt hat. Das finde ich einen wunderbaren Maßstab. Ein Notizbuch ist kein Protokoll. Es ist ein Speicher für Eindrücke, aus denen später Szenen werden.

Zwei Dinge machen jede Notiz wertvoller. Erstens: Schreib genau auf, nicht zusammengefasst. Nicht „lustiger Dialog im Bus“, sondern den Dialog selbst, so gut du ihn noch weißt. In drei Monaten erinnerst du dich sonst nur noch daran, dass er lustig war. Zweitens: Schreib Datum und Ort dazu. „Dienstag, Bahnsteig, Regen“ reicht schon, damit die Notiz später nicht in der Luft hängt.

Ein Ordnungssystem, das nicht zur Arbeit wird

Die Gefahr beim Ordnen ist, dass das Ordnen irgendwann wichtiger wird als das Schreiben. Farbige Reiter, fünf verschiedene Stifte, eine Tabelle für alles. Das sieht schön aus und hält meistens bis Ende des Monats. Einfacher hält länger.

Im Papierheft kannst du die ersten zwei Seiten freilassen und dort ein kleines Inhaltsverzeichnis führen. Die Seiten nummerierst du einfach von Hand. Dazu ein Buchstabe am Rand, der sagt, was die Notiz ist: F für Figur, S für Satz, O für Ort, P für Plot. Mehr braucht es nicht. In der App legst du dir eine Sammelnotiz als Eingang an und für jedes Schreibprojekt eine eigene Notiz, in die du Einfälle verschiebst, sobald sie einen Platz haben.

Wie weit man das treiben kann, zeigt der Soziologe Niklas Luhmann. Sein Zettelkasten umfasst rund 90.000 Zettel, entstanden zwischen 1952 und 1997. Jeder Zettel bekam eine feste Nummer, und zwischen den Zetteln gibt es Zehntausende Verweise, wie die Universität Bielefeld beschreibt, die den Kasten digitalisiert. So viele Zettel brauchst du nicht. Aber die Idee mit den Verweisen lohnt sich auch im kleinen Heft. Schreib neben eine Notiz „siehe Seite 14“, wenn sie mit einer anderen zusammenpasst. Aus solchen Verbindungen entstehen oft die besten Einfälle.

Regelmäßig durchsehen: dein Termin mit den Notizen

Ein Notizbuch, das niemand wieder aufschlägt, ist ein Ideenfriedhof. Deshalb gehört zum Sammeln das Durchsehen. Es muss nicht lange dauern. Eine Viertelstunde am Sonntag reicht, mit einer Tasse Tee und dem Heft auf dem Schoß.

Lies alles, was in der Woche dazugekommen ist. Was dich beim zweiten Lesen noch berührt, bekommt einen Stern. Was zu einem Projekt passt, wandert dorthin. Und was dich kaltlässt, lässt du einfach stehen. Streichen musst du nichts. Manche Notizen werden erst Jahre später wichtig, wenn die passende Geschichte dazu auftaucht.

Einmal im Monat lohnt sich ein größerer Blick zurück. Blätter das ganze Heft durch und achte darauf, was immer wiederkommt. Wenn du zum dritten Mal etwas über alte Leuchttürme notiert hast, ist das vielleicht kein Zufall mehr.

Wie aus Notizen Geschichten werden

Eine einzelne Notiz ist selten schon eine Geschichte. Spannend wird es, wenn zwei zusammenkommen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Stell dir vor, in deinem Heft stehen ein Name vom Klingelschild, ein Satz, den ein Nachbar über seine Tomaten gesagt hat, und die Frage, was wäre, wenn jemand jeden Tag denselben Brief bekommt. Setz die drei in eine Szene. Zehn Minuten, ohne Anspruch. Manchmal entsteht daraus nichts. Und manchmal der Anfang von etwas Größerem.

Eine andere Möglichkeit: Stell deiner Notiz so lange Fragen, bis sie antwortet. Bei Holla war das so. Zur Waldfee gehörte der Wald. Mir fiel die alte Kinderserie „Als die Tiere den Wald verließen“ ein, und damit war klar: Holla bleibt nicht im Wald. Aber wo würde sie hingehen? Und warum? Aus diesen Fragen ist nach und nach die ganze Geschichte gewachsen.

Und wenn du vor dem leeren Blatt sitzt und nichts kommt, ist das Ideen-Notizbuch dein bester Verbündeter. Blätter darin, nimm die erste Notiz mit Stern und schreib einfach los. Was sonst noch hilft, wenn gar nichts geht, steht in meinem Artikel über Schreibblockaden.

Du brauchst dafür kein besonderes Heft und keine perfekte App. Du brauchst nur die Gewohnheit, den Einfall ernst zu nehmen, sobald er kommt. Steck dir heute etwas zum Schreiben in die Tasche und notier dir diese Woche jeden Tag eine Sache, die dich stutzen lässt. Am Sonntag liest du alles durch.

Wenn du mehr solche Ideen für deinen Schreiballtag möchtest, trag dich unten auf der Seite in meinen Newsletter ein.

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