Wer gerade auf Instagram oder TikTok unterwegs ist, stößt früher oder später auf sie: Videos von Pinselstrichen auf Postkarten, von Händen, die Umschläge füllen, von Stapeln fertiger Briefe auf dem Weg zur Post. Dahinter steckt ein Trend, über den ich mich ziemlich freue. Das Briefabo. Auf Englisch heißt es Snail-Mail-Club oder Letter Club, und die Idee ist einfach: Du zahlst einen kleinen Betrag im Monat und bekommst dafür echte Post.
Ich habe im Januar 2025 selbst ein Briefabo gestartet. Kurz davor hatte eine Freundin noch zu mir gesagt: „Es schreibt doch gar keiner mehr Postkarten.“ Inzwischen berichten Radiosender und Magazine über Briefabos. Ich habe mir angeschaut, was hinter dem Trend steckt, warum gerade junge Leute wieder zum Briefkasten laufen und was das mit Instagram zu tun hat.
Was ein Briefabo ist und wie es funktioniert
Das Prinzip ist bei fast allen gleich. Für eine kleine Gebühr kommt jeden Monat, manchmal auch alle drei Monate, ein Umschlag ins Haus. Darin liegt ein Brief und dazu etwas zum Anfassen: Kunstdrucke, Fotos, Sticker, gepresste Blumen oder andere kleine Erinnerungsstücke. So beschreibt es der kanadische Sender CBC in einem Beitrag vom Juli 2026, und laut CBC gibt es inzwischen Hunderte solcher Clubs auf der ganzen Welt.
Wie unterschiedlich die Themen sind, zeigen ein paar Beispiele. Shawn Jones lebt in einer Hütte im Wald in Québec und verschickt seit August 2025 Post rund um Wildtiere. Die Fotografin Angela Lewis aus Toronto hat ihren Club gegründet, nachdem sie auf Instagram erzählt hatte, wie sehr sie der Briefwechsel mit ihrer Großmutter in ihrer Kindheit geprägt hat. Und die Künstlerin Trinity Shiroma aus Florida malt für ihren Architektur-Club jeden Monat ein bekanntes Gebäude auf eine Postkarte, legt einen Brief über seine Geschichte und eine kleine Bastelei dazu. Laut dem Magazin Curation Edit haben mehr als 2.700 Menschen ihren Club abonniert, für 8,88 Dollar im Monat.
Einen Überblick über den Markt gibt die Seite Letter Clubs, ein Verzeichnis solcher Abos. In ihrer Auswertung vom Juni 2026 steht: Die allermeisten Clubs kommen einmal im Monat, die meisten kosten weniger als 15 Dollar, der Median liegt bei etwa 12 Dollar. Die größte Gruppe verschickt Kunstdrucke. Eine kleinere Gruppe hat sich auf nachgedruckte historische Briefe spezialisiert. Und der größte Teil der Clubs sitzt in den USA.
Warum echte Post gerade ein Comeback feiert
Ein paar Zahlen zeigen, dass das mehr ist als eine Handvoll schöner Videos. Pinterest hat CBC Daten gegeben, nach denen die Suchen nach „snail mail“ in Kanada am 23. Juli um 169 Prozent höher lagen als ein Jahr zuvor. In seinem Trendbericht für 2026 hatte Pinterest schon eine Art Renaissance des Briefeschreibens angekündigt, getragen von der Generation Z und den Millennials.
Drei Gründe tauchen in den Artikeln immer wieder auf.
Müde vom Bildschirm
Shawn Jones sagt im CBC-Beitrag, die Leute seien zunehmend erschrocken über ihre eigene Bildschirmzeit, er selbst eingeschlossen. Der Medienprofessor Richard Lachman aus Toronto beobachtet bei jungen Leuten den Wunsch nach Erlebnissen ohne Bildschirm. Er vergleicht Briefabos mit Strickrunden, Aquarellmalen oder Scrapbooking. Curation Edit zitiert eine Umfrage von Talker Research im Auftrag von ThriftBooks, nach der 63 Prozent der befragten Gen-Z-Angehörigen bewusst versuchen, weniger Zeit am Bildschirm zu verbringen.
Nostalgie, auch für Zeiten, die man nie erlebt hat
Spannend fand ich, was der Psychologe Clay Routledge erzählt. Er forscht zu Nostalgie, und in einer Umfrage seines Instituts gab die große Mehrheit an, nostalgisch an eine Zeit vor der eigenen Geburt zu denken. Ein junger Mensch muss also nie selbst auf Post gewartet haben, um das schön zu finden. Es reicht, dass man weiß: Früher kamen handgeschriebene Karten auf schönem Papier.
Etwas in der Hand halten
Und dann ist da das Gefühl, das jeder kennt, der schon einmal einen richtigen Brief bekommen hat. Angela Lewis erinnert sich, wie sie früher zum Briefkasten gelaufen ist, um zu sehen, ob ihre Großmutter geschrieben hat. Eine Abonnentin sagt, die Post fühle sich fast so an, als käme sie von einer Freundin. Ein Vater erzählt, dass sein Sohn sich im Zimmer ein kleines Regal für die Kunstdrucke eingerichtet hat. Und bei Angela Lewis kleben viele Abonnenten in ihren Zwanzigern die Beilagen in sogenannte Junk Journals, eine verspielte Form des Sammelalbums.
Welche Rolle Instagram und TikTok spielen
Das Paradoxe an diesem Trend: Er lebt von genau den Plattformen, von denen die Leute eine Pause wollen. Angela Lewis hatte in ihrem Instagram-Post gefragt, ob sich noch andere nach echter Post sehnen, und war von den Antworten überwältigt. Eine Abonnentin hat den Wildtier-Club auf TikTok entdeckt. Die Künstlerin Jaylan Birdsong aus Atlanta hatte laut Curation Edit das Gefühl, dass ihre Bilder auf Instagram im Nichts verschwinden. Anfang 2025 hat sie deshalb ein Briefabo gestartet, mit 25 Empfängern. Anfang 2026 waren es 1.600. Auch das Finanzportal CapWolf schreibt, dass fast alle erfolgreichen Gründer Instagram und TikTok für ihr Wachstum verantwortlich machen. Dort zeigen sie, wie sie malen, Umschläge füllen und Stapel zur Post tragen.
Richard Lachman beschreibt das als eine kleine Rückkehr zum alten Internet: Man erreicht die Leute über die Plattformen und holt die eigentliche Beziehung dann dorthin, wo man selbst die Kontrolle hat. Als Marketerin nicke ich da heftig. Instagram ist ein gutes Schaufenster, darum geht es in meinem Artikel Instagram für Autoren. Aber die Beziehung zu deinen Lesern sollte an einem Ort leben, der dir gehört. Beim Newsletter für Autoren ist das die E-Mail-Liste. Beim Briefabo ist es der Briefkasten, ganz ohne Algorithmus dazwischen.
Worauf du achten kannst, bevor du ein Briefabo abschließt
Wenn du jetzt Lust bekommen hast, selbst Post zu abonnieren, schau dir vorher ein paar Dinge an. Viele Clubs sitzen in Nordamerika, und nicht alle verschicken nach Europa. Prüf also, ob Deutschland dabei ist und was der Versand kostet. Schau, in welcher Sprache die Briefe kommen und wie oft. Und lies nach, wie du pausieren oder kündigen kannst, damit aus der Vorfreude kein Ärgernis wird.
Frag dich außerdem, was du dir wünschst. Kunst für die Wand? Eine fortlaufende Geschichte? Oder Briefe von einem Menschen, der dir von seinem Alltag erzählt? Genau da unterscheiden sich die Abos am meisten.
Mein Briefabo: wolken in der tasse
Und damit zu mir. 2025 habe ich jeden Monat einen Brief für mein Briefabo verschickt. Angefangen habe ich, weil ich sowieso schon seit Jahren Briefe und vor allem Postkarten an Freunde schreibe. Warum mir das so wichtig ist, habe ich hier aufgeschrieben: Ein Briefkasten sollte wieder für das da sein, wofür er gedacht ist, nämlich zum Postbekommen.
Jetzt geht es weiter, unter einem neuen Namen: wolken in der tasse. Einmal im Monat bekommst du einen echten Brief von mir, auf Papier, mit der Post, aus dem Schwarzwald zu dir. Ich verschicke um den 14. des Monats. Es geht um die kleinen Dinge, an denen man sonst vorbeigeht. Im Umschlag steckt ein Brief mit einer Geschichte aus meinem Alltag, auf Papier mit Aquarellhimmel. Dazu eine Karte mit einem kleinen Gedicht zum Monat, ein Zettel zum Mitmachen und ein Fundstück, das hinter Wolken in einem kleinen Transparentumschlag steckt, zum Beispiel eine gepresste Blüte. In deinem ersten Umschlag liegt außerdem ein Willkommensbrief, eine kleine Flaschenpost von mir an dich.
Der erste Brief unter dem neuen Namen heißt „sternschnuppe“ und kommt im Oktober. Wer bis zum 12. Oktober bestellt, bekommt ihn. Das Abo kostet 5 Euro im Monat, dazu kommt das Porto: 0,95 Euro innerhalb Deutschlands, 1,25 Euro ins Ausland (Stand September 2026). Du kannst wählen, ob dein Brief auf Deutsch oder auf Englisch kommt. Und wenn du das Abo verschenken willst, trägst du einfach die Adresse der Person ein, die sich freuen soll.
Ob Briefabos ein kurzer Trend sind oder bleiben, weiß heute niemand. Ich glaube, das Gefühl dahinter bleibt. Ein Umschlag mit deinem Namen darauf, den jemand in der Hand hatte, bevor du ihn in der Hand hältst. Das ersetzt kein Video und keine Nachricht.
Wenn du dabei sein möchtest, findest du hier mein Briefabo wolken in der tasse. Und wenn du jemandem zum Geburtstag Post schicken willst, schreibe ich auch gern einen Geburtstagsbrief, mit deinem Gruß von Hand auf der Karte.