Du trägst eine Geschichte für Kinder schon länger mit dir herum. Vielleicht ist es eine Figur, die du deinen Kindern jeden Abend erzählst, vielleicht nur ein Satz, der dich nicht loslässt. Und irgendwann kommt die Frage: Wie wird daraus ein eigenes Kinderbuch, das man in die Hand nehmen kann?
In den letzten Monaten habe ich hier im Blog viele einzelne Etappen beschrieben, von den häufigsten Fehlern beim ersten Kinderbuch bis zur Einreichung beim Verlag. Heute setze ich die Teile zusammen. Hier ist der ganze Weg in zehn Schritten, von der Idee bis zum Launch. Zu jedem Schritt gibt es eine Kernfrage und einen Tipp, mit dem du sofort anfangen kannst.
Bevor du schreibst: Idee, Format und Figur
Schritt 1: Die Idee
Kernfrage: Kannst du deine Geschichte in einem Satz erzählen?
Viele Kinderbücher beginnen mit einem Bild oder einem Gefühl, und das ist schön. Aber ein Bild ist noch keine Geschichte. Schreib deine Idee in einen einzigen Satz: Wer will was, und was steht im Weg? Dann erzähl diesen Satz jemandem und schau, ob er nachfragt. Meine Waldfee Holla fing mit einem halben Satz am Telefon an. Eine Freundin meinte: „Du solltest mal ein Buch über ‚Holla, die Waldfee‘ schreiben.“ Aus dem Satz wurde erst eine Geschichte, als klar war, dass Holla vom Meer träumt und den Wald verlassen will.
Schritt 2: Das Format
Kernfrage: Für welches Alter schreibst du, und wer liest vor?
Ein Bilderbuch für Dreijährige funktioniert ganz anders als ein Kinderroman für Neunjährige. Beim Bilderbuch liest meistens ein Erwachsener vor, und die Bilder erzählen mit. Viele Bilderbücher haben 24 oder 32 Seiten. Ein Erstlesebuch muss ein Kind allein schaffen, ein Kinderroman darf länger und verschachtelter sein. Mein Tipp: Leih dir in der Bücherei drei Bücher aus, die genau für dein Zielalter gemacht sind, und zähl nach, wie viele Sätze auf einer Seite stehen. Welche Form zu welcher Idee passt, habe ich in meinem Artikel über Bilderbuch, Erstlesebuch und Kinderroman ausführlich beschrieben. „Holla“ ist übrigens kein Bilderbuch geworden, sondern eine Geschichte ab 8 Jahren mit 80 Seiten.
Schritt 3: Die Figur
Kernfrage: Was will deine Hauptfigur, und was fehlt ihr dazu?
Kinder folgen Figuren, die etwas wollen. Gib deiner Figur einen Wunsch oder ein Problem, das ein Kind sofort versteht. Theo, der T-Rex, wacht mit Zahnschmerzen auf, und zwar nicht zum ersten Mal. Mehr muss man nicht erklären. An seiner Seite ist seine Freundin Dora, und zusammen machen sie sich auf den Weg zum weisen alten Triceratops. Wie du Wunsch, Schwäche und Markenzeichen deiner Figur findest, steht in meinem Artikel über Kinderbuchfiguren.
Das eigene Kinderbuch schreiben: Plot, Text, Überarbeitung
Schritt 4: Der Plot
Kernfrage: Weißt du, wie deine Geschichte endet?
Diesen Schritt würde ich dir am meisten ans Herz legen, weil ich ihn selbst übersprungen habe. Bei „Holla“ habe ich ohne Plan losgeschrieben, und es lief wunderbar, bis es nicht mehr lief. Ich wusste schlicht nicht, wie die Geschichte endet, und dann ruhte sie monatelang. Die ganze Geschichte dazu erzähle ich in Behind the Book. Mein Tipp: Bevor du den Text schreibst, notier auf einem Blatt den Anfang, zwei oder drei Hindernisse und das Ende. Beim Bilderbuch hilft ein Dummy: Falte acht A4-Blätter in der Mitte, das ergibt ein Heft mit 32 Seiten, und du siehst, was auf welche Doppelseite passt.
Schritt 5: Das Schreiben
Kernfrage: Wann schreibst du, ganz konkret?
Ein Kinderbuch entsteht selten an einem freien Wochenende. Es entsteht in kleinen, festen Zeiten. Die ersten Seiten von „Holla“ habe ich in der U-Bahn in die Notizen-App getippt, morgens und oft auch abends, jeden Tag 40 bis 50 Minuten, je nachdem, wie schnell die Bahn fuhr. Später hat mir ein einziger Satz am Tag gereicht, um wieder hineinzufinden. Schreib den ersten Entwurf durch, ohne ständig zu korrigieren. Und lies dir jede Szene laut vor, denn Kinderbücher werden gehört. Wo du stolperst, stolpert auch die Person, die vorliest.
Schritt 6: Das Überarbeiten
Kernfrage: Versteht ein Kind deine Geschichte, und will es wissen, wie sie weitergeht?
Das kannst du nicht allein beantworten. Lies deinen Text Kindern im passenden Alter vor und beobachte sie, statt nur zu fragen, ob es ihnen gefallen hat. Wo zappeln sie, wo werden sie still, was fragen sie nach? Wie du das vorbereitest und auswertest, steht in meinem Artikel über Testlesen mit Kindern. Danach lohnt sich ein professioneller Blick von außen. Auch ein kurzer Text braucht ein gutes Lektorat.
Bilder und Weg: Illustration, Verlag oder Selbstverlag
Schritt 7: Die Illustration
Kernfrage: Brauchst du überhaupt eigene Bilder?
Hier passiert ein Fehler, der viel Geld kosten kann. Wer bei einem Verlag einreicht, schickt beim Bilderbuch in der Regel nur den Text. Wer die Bilder zeichnet, sucht meistens der Verlag aus. Eigene Bilder brauchst du vor allem im Selbstverlag, und dann mit einem Vertrag, der die Nutzungsrechte klar regelt. Was eine Illustration kostet und wie du jemanden findest, liest du in meinem Artikel über Illustrationen fürs Kinderbuch.
Schritt 8: Verlag oder Selbstverlag
Kernfrage: Was ist dir wichtiger, Unterstützung und Buchhandel oder Kontrolle und Tempo?
Beide Wege sind gut, sie sind nur sehr verschieden. Ein Verlag übernimmt Lektorat, Illustration, Druck und Vertrieb, aber du wartest auf Antworten, und oft kommen Absagen. Im Selbstverlag entscheidest du alles selbst und trägst auch alle Kosten. Ich habe meine Bücher selbst veröffentlicht, über epubli. Wenn du es zuerst bei Verlagen versuchen willst, prüf vorher das Programm und die Einsendebedingungen jedes Verlags. Wie ein gutes Anschreiben und ein Exposé aussehen, findest du in meinem Artikel Kinderbuch beim Verlag einreichen.
Veröffentlichen und Launch
Schritt 9: Das Veröffentlichen
Kernfrage: Was braucht dein Buch, damit es im Handel auffindbar ist?
Beim Verlag kümmert sich der Verlag darum. Im Selbstverlag bist du dran: Druckdatei, Cover, ISBN, der Eintrag ins Verzeichnis lieferbarer Bücher und ein Preis, der wegen der Buchpreisbindung überall gleich ist. Mein Tipp: Bestell dir ein Probeexemplar, bevor du das Buch freigibst, und lies es einmal auf Papier. Auf dem Bildschirm übersieht man mehr, als man denkt, vor allem bei Farben. Was das alles kostet, habe ich in Kinderbuch veröffentlichen: Kosten und Ablauf zusammengerechnet.
Schritt 10: Der Launch
Kernfrage: Wer erfährt davon, dass es dein Buch gibt?
Ein Buch, von dem niemand weiß, verkauft sich nicht, egal wie schön es ist. Fang deshalb ein paar Wochen vor dem Erscheinen an, davon zu erzählen. Frag in der Bücherei, in der Kita oder in der Buchhandlung um die Ecke nach einer Lesung. Und unterschätz dein eigenes Umfeld nicht. Als „Holla“ erschienen ist, habe ich fast alle Belegexemplare an Freunde und Familie geschickt, und die Rückmeldungen haben mich umgehauen. Wie du mit deinem Buch in den Laden kommst, liest du in meinem Artikel über den Buchhandel für Selfpublisher.
Ein Schritt nach dem anderen
Zehn Schritte klingen nach viel. Aber du musst nicht alle auf einmal gehen. Du musst nur wissen, auf welchem du gerade stehst. Wenn du noch bei Schritt 1 bist, reicht für diese Woche ein einziger Satz. Wenn der Entwurf fertig ist, such dir zwei Kinder und lies vor. Alles andere kommt danach.
Wenn du die zehn Schritte nicht allein zusammensuchen willst: In meiner Kinderbuch-Schatzkiste habe ich genau diesen Weg aufgeschrieben. 10 PDF-Hefte mit 70 Seiten zum Reinschreiben, mit Checklisten, einer Normseite als Word-Vorlage und einer geprüften Liste von Verlagen und Agenturen, für 29 Euro.