Dein Text ist fertig. Du hast ihn überarbeitet, laut gelesen, Kindern vorgelesen und noch einmal gekürzt. Jetzt willst du dein Kinderbuch beim Verlag einreichen. Und plötzlich stehen da Wörter wie Exposé, Normseite und Einsendebedingungen, und jeder Verlag scheint etwas anderes zu wollen.
Ich habe Literaturwissenschaft studiert, ursprünglich mit dem Ziel, selbst im Verlag zu arbeiten. Heute veröffentliche ich meine eigenen Kinderbücher im Selbstverlag. Für viele bleibt der Verlag trotzdem der Wunschweg, und das aus gutem Grund: Er bezahlt Lektorat, Illustration und Druck und bringt dein Buch in den Handel. Hier bekommst du den Ablauf Schritt für Schritt, vom passenden Verlag über Anschreiben und Exposé bis zu der Frage, was du tust, wenn die Antworten auf sich warten lassen. Die Beispiele sind Stand August 2026.
Den passenden Kinderbuchverlag finden
Viele Absagen haben mit der Qualität deines Textes gar nichts zu tun. Er passt schlicht nicht ins Programm. Ein Verlag, der nur Kinderromane ab zehn macht, nimmt kein Bilderbuch, auch kein gutes. Bevor du also irgendetwas verschickst, schau dir die Verlage genau an.
Geh in die Kinderbuchabteilung einer Buchhandlung und such die Bücher heraus, die deinem am nächsten kommen: gleiches Alter, gleiche Form, ähnlicher Ton. Schau nach, in welchen Verlagen sie erschienen sind. Auf den Websites der Verlage findest du das aktuelle Programm und oft die Vorschau auf die nächste Saison. Frag dich bei jedem: Würde mein Buch hier zwischen die anderen passen, ohne dass es eins davon kopiert? Wenn du unsicher bist, in welche Form deine Geschichte gehört, hilft dir mein Artikel Bilderbuch, Erstlesebuch oder Kinderroman.
Am Ende hast du eine Liste mit zehn, fünfzehn Verlagen, die wirklich infrage kommen. Und noch etwas: Ein seriöser Verlag verlangt kein Geld von dir. Carlsen schreibt auf seiner Seite zu Manuskripten ausdrücklich, dass für Autoren bei einer Veröffentlichung keine Kosten anfallen. Wer dir einen Vertrag mit Druckkostenzuschuss anbietet, ist kein Verlag, der an deinem Buch verdienen will, sondern an dir.
Kinderbuch beim Verlag einreichen: die Einsendebedingungen
Fast jeder Kinderbuchverlag hat auf seiner Website eine Seite zu Manuskripten. Lies sie genau und halte dich daran, auch wenn es kleinlich wirkt. Ein paar Beispiele zeigen, wie unterschiedlich das ist.
Beltz & Gelberg möchte laut seinen Hinweisen für Autoren ein Exposé von höchstens zwei Seiten und eine Leseprobe von höchstens einem Kapitel oder rund 25 Seiten, ausschließlich per E-Mail. Wer nach zehn Wochen nichts gehört hat, soll das als Absage verstehen. Coppenrath will ein kurzes Exposé, einen Textauszug und deine Einschätzung, für welche Zielgruppe das Buch gedacht ist, und nennt rund drei Monate Bearbeitungszeit. Carlsen nimmt Unterlagen per Post oder über ein Kontaktformular an, aber keine E-Mails. Und der Arena Verlag nimmt derzeit gar keine unverlangten Manuskripte an.
Schick nie Originale, rechne nicht damit, dass du etwas zurückbekommst, und ruf nicht nach einer Woche an. Und prüf vor dem Absenden noch einmal die Seite des Verlags. Diese Bedingungen ändern sich, manchmal über Nacht.
Das Anschreiben: kurz, konkret, persönlich
Das Anschreiben ist der erste Eindruck, und im Lektorat liegen viele davon auf dem Tisch. Es sollte auf eine Seite passen. So kannst du es aufbauen:
- Die Anrede, wenn möglich mit Namen. Manche Verlage nennen auf ihrer Website die zuständige Lektorin.
- Ein erster Satz, der sagt, was du anbietest: Titel, Form, Alter, Umfang. Zum Beispiel: ein Bilderbuch ab vier Jahren mit rund 500 Wörtern.
- Zwei, drei Sätze zur Geschichte. Wer ist die Figur, was will sie, was steht ihr im Weg?
- Warum gerade dieser Verlag. Ein konkreter Bezug zum Programm zeigt, dass du dich vorbereitet hast.
- Ein paar Sätze zu dir, nur das, was zum Buch passt: Erfahrung mit Kindern, Lesungen, bisherige Veröffentlichungen, auch im Selbstverlag.
- Was beiliegt: Exposé, Leseprobe oder vollständiger Text.
Lass Eigenlob und Superlative weg. Sätze wie „Meine Kinder lieben diese Geschichte“ oder „Das wird der nächste Bestseller“ stehen in vielen Anschreiben und helfen dir nicht. Dein Text muss für sich sprechen, das Anschreiben öffnet ihm nur die Tür.
Exposé und Manuskript: die Form, die Verlage erwarten
Das Exposé ist kein Klappentext. Es verrät auch das Ende. Die Lektorin will wissen, ob die Geschichte trägt, und nicht neugierig gemacht werden. Auf ein bis zwei Seiten stehen der Inhalt vom Anfang bis zum Schluss, die wichtigsten Figuren, Zielgruppe und Umfang und das, was dein Buch besonders macht.
Das Manuskript formatierst du als Normseite: 30 Zeilen mit höchstens 60 Anschlägen, gut lesbare Schrift, Seitenzahlen, dein Name und der Titel in der Kopfzeile. Das wirkt altmodisch, hat aber einen Sinn: Im Verlag kann man so auf einen Blick abschätzen, wie lang dein Text ist.
Beim Bilderbuch gibt es eine Besonderheit. Der Text ist so kurz, dass du ihn meist vollständig einreichst, auch wenn sonst nur eine Leseprobe verlangt ist. Und du schickst ihn ohne Illustrationen. Die Bilder sucht der Verlag aus. Es hilft aber, den Text so aufzuteilen, wie er später auf die Doppelseiten verteilt wäre, und in Klammern kurz anzumerken, wo das Bild etwas erzählt, das nicht im Text steht. Warum du vorher keine Illustrationen bezahlen solltest, liest du in meinem Artikel über Illustrationen fürs Kinderbuch.
Warten, Absagen und was dann
Jetzt kommt der schwierigste Teil: warten. Zehn Wochen, drei Monate, manchmal länger. Manche Verlage antworten nur, wenn sie interessiert sind. Deshalb spricht nichts dagegen, dein Manuskript an mehrere Verlage gleichzeitig zu schicken. Führ eine einfache Liste: welcher Verlag, wann verschickt, welche Frist, welche Antwort. Und dann schreib an etwas Neuem weiter. Das ist der beste Schutz davor, jeden Tag ins Postfach zu schauen.
Absagen gehören dazu, auch bei guten Texten. Meist sind es Standardbriefe, die nichts über die Qualität deiner Geschichte sagen. Wenn eine Absage ausnahmsweise eine Begründung enthält, heb sie dir gut auf. Das ist Rückmeldung von jemandem, der jeden Tag Manuskripte liest. Diskutier sie nicht, sondern prüf, ob etwas daran stimmt.
Wenn nach vielen Einsendungen nur Absagen kommen, lohnt sich ein Schritt zurück. Stimmt die Form? Passt die Länge? Hast du den Text wirklich an Kindern getestet? Manchmal ist eine gründliche Überarbeitung der bessere Weg als die nächste Runde Briefe. Und manchmal ist es der Selbstverlag. Das ist kein Scheitern, sondern eine andere Entscheidung.
Literaturagenturen: der zweite Weg zum Verlag
Einige Autoren gehen nicht direkt zum Verlag, sondern suchen sich eine Literaturagentur. Die Agentur prüft dein Manuskript, bietet es gezielt passenden Lektoraten an und verhandelt den Vertrag. Gerade bei Verlagen, die wie Arena derzeit keine unverlangten Manuskripte annehmen, kann eine Agentur der Weg hinein sein. Bezahlt wird die Agentur erst, wenn du verdienst: Laut epubli liegt die Provision meist zwischen 15 und 20 Prozent deines Honorars. Seriöse Agenturen verlangen kein Geld im Voraus. Längst nicht jede Agentur vertritt Kinderbücher, lies also auch hier genau, wen sie im Programm hat und wie sie Einsendungen haben möchte.
Am Ende zählt vor allem eines: eine Geschichte, die Kinder wirklich erreicht, beim richtigen Verlag, in einer Form, die niemandem Arbeit macht. Alles andere ist Handwerk, und Handwerk kann man lernen.
Wenn du dir die Vorbereitung leichter machen willst: In meiner Kinderbuch-Schatzkiste findest du eine Vorlage für Exposé und Anschreiben, komplett ausgefüllt an einem Beispiel, die Normseite als Word-Vorlage und eine geprüfte Liste von Kinderbuchverlagen und Agenturen, jeweils mit Einreichungsweg und Vorgaben.