Morgen beginnt der Herbst, astronomisch gesehen am 23. September um 2:05 Uhr. Die Sommerferien sind vorbei, die Abende werden kürzer, und irgendwo liegt vielleicht ein Schreibprojekt, das du vor dem Sommer zuletzt geöffnet hast. Wenn das bei dir so ist: Jetzt ist ein guter Moment für einen Neustart im September. Ich finde sogar, für Schreibende ist der September der bessere Januar.
Das sage ich als jemand, der eigentlich ein Sommermensch ist. Ich bin wie ein wechselwarmes Tierchen, das Sonne braucht, und weniges finde ich so unangenehm wie Kälte. Ausgerechnet im Oktober ist mir außerdem schon einmal ein ganzes Buchprojekt aus dem Blick geraten. Genau deshalb geht es heute darum, wie du ein liegengebliebenes Projekt wieder aufnimmst, wie du dir eine Routine für Oktober bis Dezember baust und welches Ziel bis Silvester realistisch ist.
Warum der September der bessere Januar ist
Im Januar startet man mit großen Vorsätzen mitten in den Winter, noch müde von den Feiertagen. Im September sieht es anders aus. Der Sommer liegt hinter dir, mit Eindrücken, Gesprächen und vielleicht ein paar Notizen aus dem Urlaub. Der Alltag bekommt wieder feste Abläufe, und feste Abläufe sind das, was Schreiben am meisten braucht.
Dazu kommt die Zeitspanne. Bis zum Jahresende sind es noch rund 14 Wochen. Das ist lang genug, um ein echtes Stück voranzukommen, und kurz genug, dass man es nicht auf später schieben kann. Und am 25. Oktober werden die Uhren zurückgestellt. Danach ist es früh dunkel, die Abende gehören eher dem Sofa als dem Biergarten. Wer jetzt eine Routine anlegt, hat sie schon, wenn die langen Abende kommen.
Ich weiß auch, was passiert, wenn man den Herbst einfach laufen lässt. 2023 hing ich mitten in „Holla, die Waldfee“ fest, weil ich nicht wusste, wie die Geschichte endet. Im Oktober hat mich dann mein Vollzeitjob so in Beschlag genommen, dass ich das Projekt darüber schlicht vergessen habe. Plötzlich war Januar. Das muss dir nicht passieren.
Ein liegengebliebenes Schreibprojekt wieder aufnehmen
Erst eine Bestandsaufnahme, ohne Urteil
Bevor du weiterschreibst, schau nach, was schon da ist. Sammle alles an einem Ort: die Datei, das Notizbuch, die Zettel aus der Jackentasche, die Sprachnachrichten an dich selbst. Dann schreib drei Zeilen auf. Was gibt es schon? Wo bin ich hängengeblieben? Was fehlt noch bis zum Ende des Entwurfs? Du bewertest dabei nichts. Du zählst nur. Oft ist mehr da, als man in Erinnerung hat, und das allein macht schon Mut.
Ein Satz statt eines Plans
Du musst jetzt keinen Zeitplan bis Weihnachten mit Kapitelzielen aufstellen. Schreib einen einzigen Satz, der sagt, worum es in deinem Projekt geht, und darunter ein Stichwort für den nächsten Schritt. Bei „Holla“ könnte das so aussehen: „Eine Waldfee kündigt ihren Job und zieht in einen Leuchtturm am Meer.“ Darunter: „Als Nächstes merkt sie, dass das Leben dort viel sandiger ist als gedacht.“ Beides schreibst du auf eine Karte und legst sie neben deinen Schreibplatz. Wenn du dich hinsetzt und nicht weißt, wo du anfangen sollst, liest du die Karte.
Als ich im Januar 2024 wieder angefangen habe, hatte ich auch keinen großen Plan. Ich habe jeden Tag einen Satz geschrieben. Nicht mehr. Aber es hat gereicht, um wieder drin zu sein, und ein halbes Jahr später war das Buch fertig.
Wieder rein über Lesen, nicht über Schreiben
Der schwerste Moment ist die erste neue Zeile nach einer langen Pause. Deshalb würde ich gar nicht mit Schreiben anfangen, sondern mit Lesen. Druck dir die letzten zehn Seiten aus oder das letzte Kapitel und lies es auf Papier, gern auch laut. Beim ersten Durchgang ohne Stift. Du willst nur wieder hören, wie deine Geschichte klingt. Erst beim zweiten Mal markierst du die Stellen, bei denen du Lust bekommst weiterzumachen.
Und dann schreibst du genau dort weiter. Oder du schreibst die Szene, auf die du dich am meisten freust, auch wenn sie erst viel später kommt. Die Lücke dazwischen füllst du danach. Übrigens: Die Pause war vielleicht gar nicht verloren. Bei „Holla“ habe ich gelernt, dass ein Text, der liegt, im Kopf weiterarbeitet. Manchmal weißt du nach drei Monaten Abstand plötzlich, was vorher gefehlt hat.
Schreiben im Herbst: deine Routine für Oktober bis Dezember
Kleine feste Zeiten
Eine Viertelstunde am Tag trägt dich weiter als ein Schreibwochenende, das dann doch ausfällt. Wie du so eine kleine Einheit im Alltag verankerst, habe ich in meinem Artikel über die 15-Minuten-Schreibroutine aufgeschrieben. Für den Herbst kommt eine Frage dazu: Morgens oder abends? Wenn du bisher nach Feierabend geschrieben hast, ist es ab Ende Oktober dann schon dunkel. Probier im Oktober beides aus und entscheide dich vor der Zeitumstellung. Wenn dein Tag mit einem Job gefüllt ist, findest du in meinem Artikel über das Schreiben neben dem Hauptberuf noch mehr Ideen für kleine Zeitfenster.
Licht
Im Herbst entscheidet das Licht mit darüber, ob du dich gern an den Schreibtisch setzt. Such dir den hellsten Platz in deiner Wohnung, zumindest für die Tage, an denen du morgens schreibst. Und stell dir für den Abend eine gute Lampe hin, die warm leuchtet und nur an ist, wenn du schreibst. Klingt nach einer Kleinigkeit. Aber wenn diese eine Lampe angeht, weiß dein Kopf mit der Zeit: Jetzt ist Schreibzeit.
Rituale, die den Anfang leichter machen
Ein Ritual muss nicht aufwendig sein. Eine Tasse Tee, die du nur zum Schreiben kochst. Eine Decke über den Knien. Ein Zettel, auf dem du am Ende jeder Einheit den ersten Satz für morgen notierst. Und einmal in der Woche, zum Beispiel am Sonntagabend, zehn Minuten mit dem Kalender: Wann schreibe ich diese Woche? Such dir ein oder zwei solcher Rituale aus, nicht alle auf einmal.
Ein realistisches Ziel bis zum Jahresende
Die 14 Wochen bis Silvester sind nicht 14 volle Schreibwochen. Es wird Erkältungen geben, Geburtstage, Adventsfeiern und die Tage zwischen den Jahren, an denen du lieber liest. Rechne deshalb mit zwölf Wochen. Eine Beispielrechnung: Wenn du dreimal pro Woche 20 Minuten schreibst und dabei ungefähr 200 Wörter schaffst, sind das 600 Wörter pro Woche und in zwölf Wochen rund 7.000 Wörter. Für einen Bilderbuchtext reicht das für mehrere Fassungen, für einen Roman sind es einige Kapitel.
Wähl ein Ziel, das du selbst in der Hand hast. „Das Buch ist fertig“ hängt von zu vielen Dingen ab. „Der Entwurf steht bis Kapitel acht“ oder „Ich habe mich jede Woche dreimal hingesetzt“ kannst du erreichen. Schreib das Ziel auf die Rückseite deiner Karte. Anfang November, kurz nach der Zeitumstellung, schaust du einmal drauf: Passt die Uhrzeit noch? Brauchst du eine andere? Dann justierst du nach, ohne das Ziel gleich über Bord zu werfen.
Und wenn Silvester kommt, schaust du zurück. Nicht nur auf das, was fehlt, sondern auch auf das, was entstanden ist. Dafür kannst du meine 12 Fragen für den Schreibjahr-Rückblick nehmen.
Du musst diesen Herbst kein Buch fertig schreiben. Du musst nur dein Projekt wieder in die Hand nehmen. Such dir diese Woche einen Abend, sammle alles, was du hast, und schreib den einen Satz auf die Karte. Der Rest kommt Woche für Woche, während draußen die Blätter fallen.
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