Aufgeschlagenes leeres Notizbuch mit Bleistift, brennende Kerze, getrocknete Hagebutten und Tasse Tee auf einer Terrazzokante vor heller Wand in der Sonne

Rauhnächte als Schreibzeit: 12 Nächte, 12 Seiten

In einer Woche ist Weihnachten. Und danach kommen diese seltsamen Tage, an denen niemand so genau weiß, welcher Wochentag gerade ist. Die Geschenke sind ausgepackt, die Reste im Kühlschrank werden weniger, und draußen ist es schon am späten Nachmittag dunkel. Die Nächte dieser Zeit heißen Rauhnächte. Ich finde, sie sind wie gemacht zum Schreiben.

Mein Vorschlag für dieses Jahr: 12 Nächte, 12 Seiten. Jeden Abend eine Seite von Hand, mit einem kleinen Schreibimpuls. Kein Ritual mit Räucherstäbchen, keine großen Vorsätze. Nur du, ein Heft und zwanzig Minuten am Abend. Am 6. Januar hast du zwölf Seiten, die es vorher nicht gab.

Was die Rauhnächte sind

Die Rauhnächte, oft auch Raunächte geschrieben, sind die zwölf Nächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag am 6. Januar. Meist zählt man ab dem 25. Dezember, in manchen Gegenden beginnen sie schon mit der Thomasnacht am 21. Dezember. Woher der Name kommt, ist nicht ganz geklärt. Eine Erklärung führt ihn auf das mittelhochdeutsche Wort „rûch“ zurück, also haarig: gemeint sind pelzige Gestalten, die in diesen Nächten umgehen sollten. Eine andere Erklärung verweist auf das Räuchern, denn in dieser Zeit wurden die Ställe mit Weihrauch ausgeräuchert.

Dass es gerade zwölf Nächte sind, hat mit dem Kalender zu tun. Ein Mondjahr hat 354 Tage, ein Sonnenjahr 365. Die elf Tage, oder eben zwölf Nächte, dazwischen galten als Tage außerhalb der Zeit. Daran hängt viel Brauchtum. Man sollte keine Wäsche aufhängen, weil die Wilde Jagd sie mitnehmen könnte. Man goss Blei, um in die Zukunft zu schauen. Und jede der zwölf Nächte sollte das Wetter für einen Monat des neuen Jahres anzeigen.

Du musst an nichts davon glauben, um die Rauhnächte zu nutzen. Mir gefällt vor allem der Gedanke dahinter: eine Zeit, die nicht ganz zum alten und nicht ganz zum neuen Jahr gehört. Genau so fühlen sich diese Tage ja auch an.

Warum die Rauhnächte eine gute Schreibzeit sind

Zwischen den Jahren wird es still. Viele haben frei oder arbeiten weniger, der Kalender ist leerer als sonst, das Postfach auch. Und weil es früh dunkel wird, sind die Abende lang. Wer das ganze Jahr neben Job und Familie um jede Schreibstunde ringt, bekommt hier ein kleines Geschenk: Zeit, die niemand verplant hat. Wie du im Alltag Schreibzeit findest, habe ich in Schreiben neben dem Hauptberuf aufgeschrieben. Die Rauhnächte sind die schöne Ausnahme von diesem Alltag.

Dazu kommt: Am Jahresende schaut man ohnehin zurück. Die Gedanken sind längst da, sie brauchen nur Papier. Und weil du jeden Abend nur eine Seite schreibst, bleibt es leicht. Eine Seite schafft man auch nach dem dritten Stück Stollen.

So funktioniert „12 Nächte, 12 Seiten“

Such dir ein Heft, das nur für diese zwölf Seiten da ist. Ein dünnes Schulheft reicht, ein schönes Notizbuch auch. Schreib von Hand. Das macht dich langsamer, und genau das willst du hier.

Leg einen festen Zeitpunkt fest, zum Beispiel direkt nach dem Abendessen oder bevor du ins Bett gehst. Immer ungefähr dieselbe Zeit, immer derselbe Platz. Ein Ritual muss nicht feierlich sein, es muss nur wiederkehren: eine Kerze, eine Tasse Tee, das Handy im anderen Zimmer. Warum solche kleinen Signale beim Dranbleiben helfen, erkläre ich in meinem Artikel über Disziplin beim Schreiben.

Dann liest du den Impuls für den Abend, stellst einen Wecker auf zwanzig Minuten und schreibst, bis die Seite voll ist oder die Zeit um. Nicht durchlesen, nicht verbessern. Und bis zum 6. Januar nicht zurückblättern.

Wenn du einen Abend verpasst, weil Besuch da ist oder du einfach müde bist: Mach am nächsten Abend weiter. Es heißt zwölf Seiten, nicht zwölf perfekte Abende. Und wenn es an einem Abend nur ein Satz wird, dann ist es eben ein Satz.

12 Schreibimpulse für die Rauhnächte

Nach altem Glauben steht jede Nacht für einen Monat des neuen Jahres. Für deine zwölf Seiten reicht eine einfachere Ordnung: Die ersten Nächte schauen zurück, die letzten nach vorn.

Nacht 1: Ankommen. Beschreib den Raum, in dem du gerade sitzt. Was hörst du, was riechst du, wie fühlt sich der Stuhl an? Nur was da ist, noch keine Gedanken über das Jahr. So kommst du auf dem Papier an.

Nacht 2: Ein Geräusch. Welches Geräusch gehört zu deinem Jahr? Das Quietschen einer Gartentür, ein bestimmtes Lachen, Regen auf dem Dachfenster. Schreib die Szene auf, in der du es gehört hast.

Nacht 3: Ein Mensch. Schreib über jemanden, der dir dieses Jahr begegnet ist und den du nicht vergessen willst. Nicht, was er getan hat, sondern wie er aussah, wie er sprach, was er mit seinen Händen machte.

Nacht 4: Ein Satz, der geblieben ist. Welchen Satz hast du dieses Jahr gehört oder gelesen, der hängen geblieben ist? Schreib ihn oben auf die Seite und darunter, wo du warst, als er dich erwischt hat.

Nacht 5: Was du geschrieben hast. Zähl auf, was in diesem Jahr alles entstanden ist: Texte, Briefe, Notizen, Anfänge, Zettel mit schönen Wörtern darauf. Ohne zu werten. Oft ist es mehr, als man denkt.

Nacht 6: Der liegen gebliebene Anfang. Nimm einen Text, den du irgendwann abgebrochen hast, und schreib nur die nächste Seite. Nicht korrigieren, nicht planen. Nur schauen, ob er noch atmet.

Nacht 7: Ein Brief an dich vor einem Jahr. Was würdest du der Person sagen, die du letzten Dezember warst? Was weißt du heute, das sie noch nicht wusste?

Nacht 8: Ein Brief an eine Figur. Schreib deiner Hauptfigur einen Brief, oder einer Figur, die du noch gar nicht kennst. Frag sie, was sie sich wünscht. Manchmal antwortet sie.

Nacht 9: Das Fenster. Setz dich ans Fenster, schau zehn Minuten hinaus und schreib auf, was sich bewegt. Ein Auto, eine Katze, der Nebel über der Straße. Diese Übung schärft den Blick für genau die Details, die Geschichten lebendig machen.

Nacht 10: Was du loslässt. Schreib über etwas, das du nicht ins neue Jahr mitnehmen willst. Eine Gewohnheit, einen Anspruch an dich selbst, einen Satz, den du dir zu oft sagst. Dann knick die Seite ein. Sie bleibt im Heft, aber sie darf zu sein.

Nacht 11: Ein Wunsch, klein genug. Schreib einen Wunsch für dein Schreiben im neuen Jahr. So konkret, dass du ihn an einem gewöhnlichen Dienstag erfüllen könntest. „Ich schreibe jeden Sonntag eine Stunde an meinem Kinderbuch“ trägt weiter als „Ich will mehr schreiben“.

Nacht 12: Die erste Seite. Schreib den ersten Satz einer Geschichte, die im neuen Jahr beginnt. Irgendeiner Geschichte. Und dann schreib weiter, bis die Seite voll ist.

Was du am 6. Januar mit deinen zwölf Seiten machst

Am Dreikönigstag, wenn die Rauhnächte vorbei sind, liest du alle zwölf Seiten auf einmal. Am besten mit einem Stift in der Hand. Unterstreich jeden Satz, der dich überrascht, jede Beschreibung, die lebendig wirkt, und jeden Menschen, über den du mehr wissen willst.

Für Schreibende ist das mehr als Tagebuch. Es ist Material. Der Mensch aus Nacht 3 kann eine Nebenfigur werden, der Satz aus Nacht 4 ein Dialog. Und die Seite aus Nacht 6 ist vielleicht der Moment, in dem ein altes Projekt wieder anfängt. Mein erstes Buch ist zu großen Teilen unterwegs in der Notizen-App auf meinem Handy entstanden, aus lauter kleinen Stücken. Wie Holla entstanden ist, kannst du hier nachlesen. Kleine Seiten werden manchmal große Geschichten.

Die Rauhnächte sind keine Pflicht und kein Programm. Sie sind eine Einladung, das Jahr leise ausklingen zu lassen und mit einem Stift in der Hand ins neue zu gehen. Zwölf Seiten. Mehr braucht es nicht.

Wenn du mehr von mir lesen möchtest, auch im neuen Jahr, dann trag dich unten auf der Seite in meinen Newsletter ein.

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